Am Ende steht der ganze Saal, und die Zuschauer applaudieren den Akteuren nach einer überaus gelungenen Zunftabend-Premiere in der Alten Haagener Halle fast frenetisch.

Von Guido Neidinger (Text) und Kristoff Meller (Fotos)

Lörrach-Haagen. Was haben der SC Freiburg und die Lörracher Narrenzunft gemeinsam? Beide verlieren immer wieder wichtige Aktive und müssen diese ersetzen. Und beiden gelingt dies in bravouröser Weise.  

Beleg dafür ist in der Lörracher Fasnacht der aktuelle Zunftabend. Er ist in der  Reihe von guten bis sehr guten Zunftabenden der vergangenen Jahre einer der besten. Die Show  bietet eine gelungene Mischung aus fasnächtlichem Klamauk, viel Lokalkolorit und Tiefgang – somit beste Unterhaltung. Das gesamte Programm ist flott und  spritzig. Es gibt nicht einen einzigen langatmigen Durchhänger.

Im Gegenteil: Wenn die Zunft mit allen Beteiligten auf der Bühne das obligatorische Abschlusslied anstimmt, fragt man sich – Wie, schon zu Ende und schon kurz vor Mitternacht?  

Ein Kessel Buntes
Es ist ein Kessel Buntes, der sich gleich zu Beginn auf die Bühne ergießt. Farbenprächtig marschieren die Abordnungen der Lörracher Cliquen ein, angeführt von Oberzunftmeister Andreas Glattacker, der den Stab von Stephan Vogt (er nimmt sich eine Auszeit) übernommen hat.

Als hätte er es schon immer gemacht, gelingt Glattacker eine geschmeidig-humorvolle Begrüßung. Da hat es die schwäbelnde Protektorin Margarete Kurfeß nicht leicht, mitzuhalten. Doch auch sie macht’s gut. 

Gelungene Mischung
Immer pointiert, nie verletzend, so präsentieren die Zunftmeister ihre Themen. Diese bewegen sich zwischen Kreisverkehrswahn am Beispiel Dreispitz, Einweihung des Hebelparks, Religionsdisput, Zentralklinikum, Verkehrsdrehscheibe am Zoll in Stetten und Gastronomie auf Rötteln. Somit beschäftigt sich der Zunftabend fast ausschließlich mit örtlichen Themen und verfügt über sehr viel Lokalkolorit. 

Die Darsteller
Dass die wenigen Lörracher Zunftmeister schauspielerisch wandlungsfähig sein müssen, ist nicht neu. In diesem Jahr stehen sieben Schauspieler auf der Bühne. Nach dem Ausscheiden von Stephan Vogt und Philipp Buser sind dies:  Ralf Buser, Klaus Ciprian-Beha, Hansi Gempp, Karl-Heinz Sterzel, Thomas Wagner, Andreas Kuck und natürlich Andreas Glattacker. Hinzu kommt Nico Vogt in einer kleinen Rolle. Die Chemie untereinander stimmt, das wirkt sich positiv  aus.

Die Neuen
Thomas Wagner und Andreas Kuck sind neu im Team. Beide schlagen auf Anhieb ein. Wagner ist mehr als nur ein Lehrling. Er traut sich etwas, hat keinerlei Scheu auf der Bühne und besitzt  schauspielerische Qualitäten, ob als Koch,  als Rabbiner, oder als Praktikant Nitz im Zentralklinikum.

Andreas Kuck firmiert (noch) als Gastspieler. Ob erbleibt? Gegenüber unserer Zeitung kündigte er das an. Auf diese Verstärkung dürfen  sich Zunft und Besucher freuen, denn Kuck ist ein Könner. Er ist bühnenerfahren und außerordentlich wandlungsfähig, ob als Weiler Oberbürgermeister Dietz, als Assistenzarzt im Kreisklinikum oder als pausenfüllender elsässischer Kellner (einfach köstlich). 

Die Routiniers
Sie sind nach wie vor die Korsettstangen des  Zunftabends und glänzen, jeder auf seine Art. Ständig im Einsatz  ist Publikumsliebling Hansi Gempp. In sechs von sieben Nummern  steht er auf der Bühne – ein echter Tausendsassa. Allerdings birgt  diese Omnipräsenz  Gefahren. Was, wenn Gempp ausfällt? Je oller je doller könnte man über ihn sagen. Er spielt den Bauer aus Aftersteg  kauzig-genial, ebenso wie Uli May als Kämpfer für die Kreiselgestaltung am Dreispitz, um nur zwei Rollen zu nennen.

Claus Ciprian-Beha agiert stets überzeugend –  als Schluckspecht im Hebelpark oder als  Buddha-Verschnitt Salbei-Rama. Karl-Heinz Sterzel ist als Sänger immer noch eine Wucht und überzeugt als Oberschwester Marion im Kreisklinikum.

Andreas Glattacker ist nicht nur mit Peter Quercher (im Hintergrund) der intellektuelle Kopf der Truppe. Als Spieler glänzt er unter anderem als Chefarzt Lutz und in der schwierig zu spielenden Doppelrolle als Schweizer Star-Architekten Jacques Herzog and Pierre de Meuron. Ralf Buser gefällt besonders  als Mata Hari Krishna. 

Weitere Akteure
Ihren mit Abstand besten Auftritt seit Jahren legen die Zundelgirls aufs Parkett. Anmutig und in herrlich orientalischen Kostümen erhalten sie viel Applaus. Mit seinem klassischen Auftritt hält der Stadtspielmannszug die Tradition hoch. 

Nachdenkliches
Die Narrenzunft hat den Anspruch, neben Klamauk auch Nachdenkliches zu bieten. Ein interregliöses Gespräch, das für Toleranz aller Religionen wirbt, mit Anleihen an Luthers Thesenanschlag vor 500 Jahren ist ein riskantes Experiment. Doch es gelingt, auch dank einer schönen Pointe. Hochachtung vor soviel Mut.

Das Drumherum
Die Band „The NightShadows“ weiß als Stimmungsmacher zu überzeugen und unterstützt die Zunftmeister gekonnt bei Gesangsdarbietungen. Die Souffleusen Ellen Quercher und Andrea Rümmele müssen nur dezent Texthilfe leisten. Die Masken von Lilo Benz und Mary Fazis wissen ebenso zu gefallen wie die herrlichen Bühnenbilder von Hanspeter Goldian.

Für die vielfältige Technik sind Hans-Werner Schuld, Andreas Kühn, Lukas Grussenmeyer und Fabian Weiss zuständig. Alles funktioniert schon zum Auftakt fast wie am Schnürchen. Kleine Mängel sind nicht der Rede wert.  Die Bar als Treff vor und nach der Show wird  wie immer charmant und professionell von Bärbel Jung betreut.  

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