Lörrach Kleine Fluchten aus Gedrucktem

Die Oberbadische, 07.08.2018 20:37 Uhr

Wir sind mitten in der Ferienzeit und manch einer ist noch unschlüssig, welche Bücher mit ins Reisegepäck sollen. Die Mitarbeiter der Stadtbibliothek verraten ihre Lieblingslektüre für die schönste Zeit des Jahres.

„Die Büglerin“

Heinrich Steinfests Romane zeichnen sich durch eine einzigartige Fabulierlust, originelle Beschreibungen und ungewöhnliche Bilder aus, ganz gleich, zu welchem Thema er schreibt. Für Bibliothekar Björn Hub gehört deshalb Steinfests neuer Roman „Die Büglerin“ mit in jedes Urlaubsgepäck. Steinfest beschreibt darin das wahrhaft nicht einfache Leben der Tonia Schreiber. Nach Schicksalsschlägen verliert die Akademikerin bei einer Schießerei in einem Kino ihre geliebte Nichte und gibt sich die Schuld daran. Als Buße spendet sie ihren gesamten Besitz und arbeitet fortan als einfache Büglerin für wohlhabende Kundschaft. Der Leser verfolgt ihren weiteren Lebensweg mit allen Höhen und Tiefen, die sie am Ende dennoch wieder zu den Ereignissen im Kino zurückführen.

„Zeckenbiss“

Mit „Zeckenbiss“ hat Sabine Thiesler ein weiteres Buch über den nachlässigen Kommissario Neri Donato geschrieben. „Absolut gelungen“ findet Fachangestellte Thi Thu Minh Nguyen. Kurzweilig und spannend erzählt Thiesler aus verschiedenen Perspektiven und legt erst nach und nach offen, in welcher Verbindung die einzelnen Figuren zueinander stehen. Berlin und die Toskana sind dabei die Schauplätze des Plots. Für alle Leser, die sich nach Ferien in südlichen Gefilden sehnen.

„Was nie geschehen ist“

Bibliotheksleiterin Sabine Dietrich hat das Erstlingswerk von Nadja Spiegelman beeindruckt. Spiegelman, Tochter des weltberühmten amerikanischen Comicautors Art Spiegelman sowie der Art-Direktorin des „New Yorker“, Francoise Mouly, spürt in „Was nie geschehen ist“ der Vergangenheit ihrer Mutter und Großmutter nach. In zahlreichen Gesprächen nähert sie sich den Abgründen und Stärken dieser beiden außergewöhnlichen Frauen an. Schonungslos offen und zugleich in poetischer Sprache erzählt sie von den blinden Flecken in einer Familie, über die unterschiedlichen Facetten von Erinnerung und über das Erwachsenwerden unter schwierigen Bedingungen.

„Der restliche Sommer“

„Der restliche Sommer“ von Max Scharnigg ist die Urlaubslektüre von Bibliothekarin Franziska Kufner.

Paul Neulich hat als renommierter Stilkolumnist ein sicheres Einkommen und genießt das freie Strandleben mit der Performance-Künstlerin Sara, für die er die stabile Ehe mit Paartherapeutin Sonja aufgegeben hat. Sara lässt für Paul den introvertierten Informatiker Tin hinter sich.

Max Scharnigg skizziert das Leben der Protagonisten als Momentaufnahmen. Sie alle leben mehr für den Schein als für das Sein, bis sich ihre jeweiligen Situationen durch verschiedene Ereignisse so ändern, dass ein Umdenken unausweichlich scheint. Nun, vielleicht am Wendepunkt des Lebens, müssen sich Paul und Sara, Sonja und Tin fragen: „Wer war ich früher? Wer will ich heute sein?“ Ein gesellschaftskritisch und ironisch geschriebenes Buch über Liebe und Freundschaft.

„Jeden Tag, jede Stunde“

Die Geschichte über Luca und Dora hat Bibliotheksmitarbeiterin Miroslava Praskova von Anfang an in ihren Bann gezogen. In „Jeden Tag, jede Stunde“ erzählt Natasa Dragic von zwei Menschen, zwei Seelen, die einfach zusammen gehören und doch nicht zusammen sein können. Sie sind füreinander bestimmt, laufen ihrem Glück aber ständig davon. Eine schöne Liebesgeschichte, auf eine besondere Art und Weise erzählt, voller Poesie, Feinsinnigkeit und Temperament.

„Fremd in ihrem Land“

Als Donald Trump vor circa anderthalb Jahren Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika wurde, war dies für viele ein Schock. Die Frage „wer wählt diesen Mann – und aus welchen Gründen?“ stellte sich auch die stellvertretende Bibliotheksleiterin Maike Wilsch. In „Fremd in ihrem Land“ berichtet Soziologin Arlie Russell Hochschild von ihren Gesprächen mit Menschen in Louisiana, dem „Herz der amerikanischen Rechten“. Viele hier sind Anhänger der Tea-Party-Bewegung, wählten und wählen rechts – obwohl die Politik der Rechten ihre unmittelbare Lebenswelt negativ beeinflusst. Der Autorin gelingt es, ohne Wertung und mit viel Einfühlungsvermögen einen Einblick in die Gedankenwelt der Menschen zu geben, die durch althergebrachte Denkmuster, eine tief verwurzelte Ablehnung staatlicher Kontrolle sowie Ängsten vor den großen Veränderungen weltweit und innerhalb der Gesellschaft geprägt ist.

Keine leichte Sommerlektüre – aber definitiv lesenswert, findet Maike Wilsch.

 
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