Lörrach Kreativ trotz Corona

Lörrach - Kultureinrichtungen trifft die Corona-Krise besonders hart. Gehören sie doch zu den letzten, bei denen ein Wiederhochfahren der Aktivitäten erlaubt werden soll. Was bei Museen und Galerien schon möglich ist, darauf warten Theater, Konzertveranstalter und Tänzer noch vergeblich: Kreativität vor Zuschauern – und Einnahmen. Auch das freie Theater Tempus fugit muss um seine Zukunft kämpfen.

Zukunftssorgen statt Jubiläumsfeier

Traurig. Im Juli hätte Tempus fugit sein 25-jähriges Bestehen gefeiert. Stattdessen: Krisenmodus, Zukunftssorgen. Noch zehrt das regional engagierte Theater von Projekten und Aufträgen von Anfang diesen Jahres. Zudem gab es eine Corona-Soforthilfe über 30 000 Euro. Hinzu kommen die vergangenes Jahr glücklicherweise erhöhten Festzuschüsse aus Lörrach (105 000 Euro, von denen allerdings die Theatermiete über 40 000 Euro wieder abgeht), aus Rheinfelden (30 000 Euro) sowie vom Land (190 000 Euro).

Was auf den ersten Blick wie ein üppiges finanzielles Polster aussieht, erweist sich bei näherem Hinsehen als gar nicht komfortabel, zumindest dann nicht, wenn all die projektbezogenen Einkommen – das sind 70 Prozent – coronabedingt wegfallen. Immerhin beträgt das Jahresbudget des Theaters eine Million Euro, erklärt Gründerin und Leiterin Karin Maßen. Fallen also beispielsweise präventive Schulprojekte, Inszenierungen und AGs weg, fehlen wichtige, einkalkulierte Gelder, erklärt sie. Das mache insbesondere die Zukunftsplanung für Ende 2020 und das nächste Jahr äußerst schwierig. Zumal die Zuschüsse potenzieller Sponsoren aus der Wirtschaft zunehmend fraglich sind: „Die leiden schließlich auch unter der Krise.“

Maßen: „Noch halten wir durch“

„Noch halten wir durch“, sagt Maßen. Leid tut es ihr indes auch besonders um all die freien Künstler, die regelmäßig für Tempus fugit-Theaterprojekte engagiert werden: freie Regisseure, Dramaturgen, Musiker – all denen musste abgesagt werden.

Unabhängig von den finanziellen Sorgen, freut sie sich ungemein über das Krisenmanagement, den Ideenreichtum und das Herzblut, mit dem Mitarbeiter und Freunde von Tempus fugit versuchen, den Theaterbetrieb zumindest online am Leben zu halten – mit Erfolg.

Theaterbetrieb zumindest online am Leben halten

So gelang es, zwölf von 14 AGs und Schulkooperationen via WhatsApp & Co. zu halten. Die Teilnehmer stehen regelmäßig in Kontakt, sie arbeiten weiter, tauschen sich in Chat Rooms aus, präsentieren eigene Texte, gestalten per Video gemeinsame Aufwärmübungen oder Proben. „Das funktioniert, weil die Gruppen über längere Zeit zusammengewachsen sind, weil unsere Mitarbeiter internetaffin sind und ideenreich an die Sache herangehen. Trotzdem ist das natürlich kein Ersatz, es bleiben Lücken, es gibt Grenzen.“

Dennoch ist sie begeistert, wie kreativ sich viele, besonders junge Leute einbringen. Was indes nicht funktionieren kann, ist der Aufbau neuer Gruppen. „Das klappt nur mit echtem zwischenmenschlichem Kontakt, und nicht übers Smartphone.“ Schwierig werde es auch bei sowieso schwerer erreichbaren Gruppen, erklärt Maßen. Dazu gehören beispielsweise Projekte, die in Übergangswohnheimen angesiedelt waren. „Wir hatten es geschafft, dass Flüchlingskinder regelmäßig zu uns ins Theater kommen, da hatten wir etwas Tolles aufgebaut. Das ist jetzt über die Pandemie fast völlig weggebrochen.“

Digitale Proben mit Webcam

Auch inklusive Gruppen können derzeit schwer am Leben gehalten werden. Doch auch hier gibt es Erstaunliches zu berichten: So hat ein Spieler, der in einem Wohnheim für Menschen mit Behinderung lebt, eine Webcam zugeschickt bekommen. Über eine Betreuerin konnte die Webcam und das entsprechende Programm installiert werden. Jetzt kann er zusammen mit neun anderen an den wöchentlich stattfindenden digitalen Proben teilnehmen. In Tandems inszenierten sich die Mitwirkenden wechselseitig und tauschen die Ergebnisse über Videokonferenzen aus. „Das ist Wahnsinn“, so Karin Maßen.

Sie freut sich über den Ideenreichtum der Theatermitarbeiter. 13,5 volle Stellen hat Tempus fugit. Maßen selbst leistet ihren organisatorischen und verwaltungstechnischen Beitrag für den Verein, die Regiearbeiten für die Hausgruppen komplett ehrenamtlich. Nur für projektbezogene Aktivitäten wird sie bezahlt. Das Theater hat sie aufgebaut, es ist ihr Lebenswerk.

„Es braucht derzeit viel Optimismus"

„Es braucht derzeit viel Optimismus, und vielleicht auch einen Schuss Naivität und Urvertrauen, um an die Zukunft zu glauben“, meint sie nachdenklich. Über all dies verfügt sie. Und müht sich, in der Krise auch das Positive zu sehen. „Die Jugendlichen lesen wieder mehr. Und die soziale Komponente, vor allem kleinerer Kultureinrichtungen, erfährt derzeit eine neue Wertigkeit.“ Die Menschen schätzten den Austausch, auch über Themen jenseits von Corona.

Und vielen werde bewusst, dass die Menschheit schon viele Krisen überwunden habe. „Kultur kann helfen, einen anderen Zugang zur Lebensrealtiät zu schaffen“, glaubt Karin Maßen. „Ich spüre bei vielen eine Art Besinnung, ein Eintauchen in das eigene Befinden, weg von aller Oberflächlichkeit.“ Man erfahre aber auch die Grenzen des Digitalen. „Es braucht die Begegnung. Kultur muss erlebbar sein. Diese Erkenntnis ist vielleicht sogar eine Chance für die Kultur.“

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