Lörrach  Lörrach: doppelt zur Stadt erhoben

Hubert Bernnat

Es gibt wohl keine deutsche Stadt in der frühen Neuzeit, die zweimal zur Stadt erhoben wurde. Lörrach hat damit neben der erstmaligen Ausrufung der Republik in Deutschland durch Gustav Struve am 21. September 1848 ein weiteres Alleinstellungsmerkmal. Doch wie kam es dazu?

Von Hubert Bernnat

Lörrach. Lörrach war schon 1403 ein privilegierter Marktort geworden. Dies war der günstigen Lage am Schnittpunkt wichtiger Handelswege vom Wiesental nach Basel und vom Rheintal an den Hochrhein geschuldet.

Lörrach entwickelte sich entlang der Handelsstraßen mit dem heutigen Alten Marktplatz und einigen Wirtschaften als Zentrum. An der Basler Straße steht bis heute die Kirche, von der noch der ursprüngliche Turm erhalten ist. Hinter der Kirche gab es seit dem 14. Jahrhundert eine kleine Burg, die dem Burghof-Areal immer noch als Namensgeber dient. Sie brannte aber 1638 im Verlauf des Dreißigjährigen Krieges ab.

Seit 1535 gehörte Lörrach zur Markgrafschaft Baden-Durlach und zum Oberamt Rötteln mit Sitz auf der Burg und einem Landvogt an der Spitze. Als sich 1556 nach dem Augsburger Religionsfrieden Markgraf Karl II. der Reformation Luthers anschloss, mussten auch die Lörracher den protestantischen Glauben annehmen.

Im Dreißigjährigen Krieg wurde der Oberrhein und damit auch die Markgrafschaft zum Kriegsgebiet, welches unter dem Gegensatz zwischen Frankreich und Habsburg zu leiden hatte. Ziel der französischen Politik war der Rhein als Grenze. Die Habsburger hatten Besitzungen im Elsass, im Breisgau und der heutige Stadtteil Stetten, der daher katholisch blieb, war ihr südwestlichster rechtsrheinischer Vorposten.

Doch der Westfälische Friede von 1648 war nicht das Ende einer verheerenden Kriegszeit, denn es folgten in den nächsten 100 Jahren fünf Erbfolgekriege.

„Ein Schreckensjahr wurde 1678“

Über den ersten, den Holländischen Erbfolgekrieg von 1672 – 1679, schreibt Pfarrer Deisler in der Chronik von Stetten: „Ein eigentliches Schreckensjahr wurde 1678. Das Ziel der Franzosen waren die vier Waldstädte am Hochrhein [= Rheinfelden, Laufenburg, Säckingen, Waldshut]. Ein Hindernis auf diesem Zug war die Festung Schloss Röteln, das von kaiserlichen Truppen gehalten wurde. Die Bevölkerung des vorderen Wiesentals wurde nun mit unersättlichen Forderungen an Heu, Hafer, aufs Äußerste gequält. Die Straßen wurden unsicher, die Viehherden weggetrieben, die Glocken von den Türmen geholt.“

Ende Juni 1678 konnten die Franzosen die Burg einnehmen: „In der Nacht vom 29. zum 30. Juni wurde wahrscheinlich von Franzosen Feuer gelegt, so dass das alte stolze Schloss in Flammen aufging. Sprengungen verwandelten die ausgebrannten Mauern zu einer für immer unbrauchbar gemachten Ruine.“

1682 - Erste Erhebung zur Stadt

Damit war der Verwaltungssitz des Oberamtes Rötteln zerstört. Die markgräfliche Verwaltung wurde provisorisch in Basel und Lörrach untergebracht. Doch diese Trennung erwies sich als unpraktisch. Schon am 18. November 1682 erhob auf Vorschlag des Landvogts von Gemmingen Markgraf Friedrich Magnus, der eigens gekommen war, Lörrach zur Stadt und zum Sitz des Oberamts Rötteln: „… dass zu solchen Zwecks Erlangung der in unserer Herrschaft Rötteln an dem Fluss der Wiese und zwei Stunden vom Rhein, an der aus dem Schwarzwald nach Basel ziehenden Straße gelegene Flecken Lörrach …, dass wir daher solches alles angesehen, und uns wohlbedacht resolviert [= entschlossen] haben, denselben Flecken von nun an und fürderhin zu einer Stadt gnädigst zu erheben.“

Der neuen Stadt wurden wichtige Privilegien verliehen, um dem kleinen „Flecken“ zu Wachstum zu verhelfen. Dazu gehörten unter anderem: Freies Niederlassungsrecht für alle im Reich geduldeten Religionen unabhängig vom Geburtsort; freie Religionsausübung neben den Protestanten auch für Katholiken und Juden; Neubau eines Hauses innerhalb von zwei Jahren durch jeden Neubürger und dafür 30 Jahre Steuerbefreiung; jeden Donnerstag Markttag, dazu jährlich zwei Pferde- und Viehmärkte; Sicherung der Stadt durch Tore und Ringmauern.

Zwar ließ Markgraf Friedrich Magnus um 1700 in Basel für Besuche im südlichen Landesteil noch das älteste Barockpalais der Schweiz, den Markgräflerhof, errichten, das aber wenig genutzt und 1808 an die Stadt Basel verkauft wurde.

Ein auf dem Burghofareal geplantes Barockschloss wurde nicht verwirklicht. Immerhin begann nun der Ausbau Lörrachs als Amtsstadt im Barockstil. Von der geplanten Stadtbefestigung wurde allerdings 1691 nur das Stadttor beim Hebelpark, damals Friedhof, gebaut.

Im Zuge der Stadterweiterung durch den Anschluss an die Eisenbahn wurde es 1867 abgerissen. Doch etliche repräsentative Gebäude wurden bis 1750 verwirklicht, von denen noch die von der Polizeidirektion und vom Arbeitsgericht genutzten stehen. Im barocken Stil wurden um 1755 zudem das evangelische Pfarrhaus und das heutige Dreiländermuseum gebaut. Mit den später abgerissenen Gebäuden wie dem Amtshaus und der Landvogtei besaß Lörrach damals ein bemerkenswertes barockes Ensemble.

Das Museumsgebäude war ursprünglich eine Tabakmanufaktur, die bald ihren Betrieb einstellen musste. Sie wurde von der Stadt gekauft und in ihr die Lateinschule, das spätere Hebel-Gymnasium, untergebracht. Mit der Tabakmanufaktur versuchten die Markgrafen genauso wie mit der Unterstützung für die 1753 gegründete Indiennedruckerei durch Ferdinand Küpfer Lörrach als Wirtschaftsstandort aufzubauen. Letztere war der Vorläufer der KBC und begründete vor gut 200 Jahren Lörrachs Bedeutung als Standort der Textilindustrie. Die Einwohnerzahl der Kernstadt dürfte um 1750 bei rund 1200 gelegen haben.

1756 – Bitte um „hochfürstliche Gnade“

Doch die „unglücklichen Kriegszeiten“, der schrittweise Umzug der Verwaltung und der Bau neuer Amtsgebäude ließen die Original-Urkunde der Stadterhebung von 1682 und die Erinnerung daran verschwinden. Jedenfalls wandte sich die Gemeinde 1755 an den Markgrafen Karl Friedrich und verwies auf den wirtschaftlichen Aufstieg, der alleine dadurch gebremst würde, „als dass dieser Ort nicht mit der Stadtgerechtigkeit versehen und mit der Leibeigenschaft behaftet ist.“ Das Schreiben endet mit folgender Bitte: „Diesem nach erkühnen wir uns, Euer Hochfürstlichen Gnaden tiefgebeugtest zu bitten, mittels des Oberamts Ort Lörrach diese hochfürstliche Gnade Fürstmildest angedeihen zu lassen.“ Zwar fand sich in einem Schriftsatz des früheren Landvogts von Wallbrunn eine Abschrift der alten Urkunde, doch die Gemeinde drang mit Nachdruck auf eine Erneuerung des Stadtprivilegs.

Am 3. Juni 1756 bestätigte Markgraf Karl Friedrich „in Landesväterlicher Vorsorge“ das erneute Stadtrecht für Lörrach. Die neue Urkunde umfasst neun Punkte, darunter: Befreiung von der Leibeigenschaft und ihren Diensten für alle Lörracher Bürger und Neubürger; Verpflichtung zur Zahlung von städtischen Steuern; zehn Jahre Steuerfreiheit für Neubürger mit eigenem Gewerbe; statt eines Vogtes einen Bürgermeister als Stadtoberhaupt, zudem sechs Gerichts- und Ratspersonen; Errichtung einer Stadtkompanie, wozu der Markgraf Fahne und Trommel stiftete; zudem wurde das Stadtwappen bestätigt, „welches dieser Ort in dem Bild einer Lörchen sich schon ehedem erwehlet hat“ und „daß sie eine Lörche in einem Roten Felde führen dürfe.“ Gleichzeitig wurde das erste Rathaus in der Wallbrunnstraße gebaut, das 1869 für den Bau des heutigen Alten Rathauses abgerissen wurde. Bisher hatte der Rat der Stadt in einer Wirtschaft getagt, der so genannten Stubenwirtschaft.

Erster Bürgermeister wurde der Stubenwirt Wilhelm Roth. Die Stadterhebung wurde im August 1756 feierlich begangen. Spezialsuperintendent Walz mahnte in der Festpredigt in der Stadtkirche: „Die Veränderung des Namens, die der äußeren Gestalt und Umstände des Orts machen die Sache nicht aus. Es muss eine Veränderung in den Herzen der Bürger und Innwohner einhergehen.“ Worte, die auch heute, über 250 Jahre danach, noch Gültigkeit haben.

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