Lörrach Meister der Melancholie

Der Liedermacher Klaus Hoffmann. Foto: zVg/Malene

Lörrach - Klaus Hoffmann ist einer der wenigen deutschen Liedermacher, die über mehr als vier Dekaden erfolgreich sind. Nach einer Schauspielausbildung und Engagements begann er parallel seine musikalische Laufbahn – 1974 erschien sein erstes Album. Populär machten den Sänger nicht zuletzt die von ihm eingedeutschten Chansons seines Idols Jacques Brel. Immer wieder zieht es den 67-jährigen Sänger, Gitarristen und Poeten indes auch vor die Kamera oder an den Schreibtisch, wo Deutschlands bester Chansonnier seine Lust am Spiel mit der Sprache auslebt.

Am Mittwoch, 6. Februar, präsentiert er – begleitet von Pianist Hawo Bleich – im Lörracher Burghof sein aktuelles Album „Aquamarin“. Christoff Forsthoff traf den Künstler in Berlin.

Frage: PR-Texte schlagen gern große Töne an – auch der Ihrige macht da keine Ausnahme, wenn es heißt, Sie seien mit Ihrem aktuellen Album wie mit keinem zuvor bei sich angekommen. Wann ist der Mensch bei sich selbst angekommen?

Immer wieder neu.

Frage: Letzten Endes also nie…

…im Endeffekt immer. Ich hatte immer Angst, mich zu verlieren, und ein Stück weit ist die Bühne für mich bis heute ein unheimlicher Ort, mich auch lustvoll zu verlieren. Und ein geschützter Ort: Ich gehe da raus, die Texte stehen mehr oder weniger fest, und wenn ich mich daran halte, macht der Schauspieler Hoffmann schon eine Menge guter Sachen. Der Regisseur Tom Toelle hat immer zu mir gesagt: Du singst im Grunde, um Deine Ängste auch zu bewältigen, Du willst Dich verlieren im Schutz dieses Auditoriums. In der Tat ist es ein fortwährender Prozess des Weggehens und Wiederankommens.

Frage: Sie haben im Laufe Ihrer bald fünf Bühnenjahrzehnte mehr als 600 Lieder geschrieben – gab es da nie die Angst, sich zu wiederholen oder sich thematisch im Kreise zu drehen?

Absolut – das macht man ja auch. Aber es ist doch völlig unwichtig – entscheidend ist, dass du es machst. Ich hoffe doch auch, dass ein Bob Dylan sich wiederholt und kaufe mir sein neues Album, um eben das zu hören. Säße er hier, würde er sagen: Das geht mir doch völlig am Arsch vorbei – Hauptsache ich schreibe und sage, was ich zu sagen habe.

Frage: Was Sie zu sagen haben, scheint indes vor allem ein älteres Publikum zu interessieren – haben Sie keine Ambitionen, mehr jüngere Menschen in Ihre Konzerte zu locken?

Soll ich mich wie einige Kollegen hinstellen und sprachlich auf die Kacke hauen, um einen Jugendslang vorzugeben? Das würde ich nie machen. Aber deshalb bin ich trotzdem noch nicht im Altenheim unterwegs und habe davor auch keine Angst: Hauptsache, ich mache es gut. Ich spreche nun einmal keine Familien mit Kindern an wie ein Hermann van Veen – seine Platten kaufen die jungen Leute übrigens dennoch nicht. Und was sollte ich dafür tun? Mich greller anziehen? Das wäre doch völlig verblödet. (lacht)

Frage: Und wie sieht es mit Ihrem politischen Aufbegehren aus? Das Pathos gewönne in der Politik auf der falschen Seite wieder seinen Platz, sagen Sie selbst – könnten Sie sich vorstellen, in Ihren Liedern politischer zu werden?

Mal sehen – ich habe jetzt wieder ein altes Lied herausgekramt, „Stein auf Stein“ von 1991: „Ich geh auf den vereinten Straßen, es riecht nach Dummheit und Gefahr…“ Aber da muss ich noch mutiger werden, um zu sehen, was ich sagen will, denn ich erzähle doch jetzt nicht einfach bloß etwas zu Angriffen auf Asylbewerber: Da ist doch sowieso klar, dass wir die Guten sind.

Frage: Ist das so klar?

Na sicher! In deiner humanitären Aufgabe in dieser Welt, mit deinen Liedern und deiner Arbeit nützlich sein zu wollen, ist doch klar, dass Fremdenhass und jede Art der Diskriminierung scheiße sind! Die Frage ist, ob die Zeit jetzt danach ruft, dass wir das lauter machen müssen – und da tue ich mich schwer…

Frage: …inwiefern?

Weil ich zu diesen Themen ohnehin schon immer etwas erzählt habe, aber eben auf meine Art. In meinen Liedern beschreibe ich mein Weltbild: Wer sind die Guten? Auf welcher Seite stehst du? Tust du etwas für die Welt? Setze Liebe gegen den Hass, gegen den Extremismus und die Populisten. Doch als Sänger sollte man nicht auf jeden Zug aufspringen.

Frage: Stattdessen setzen Sie auf „Friede, Freude, Eierkuchen“ in Ihren Liedern, wie Sie selbst sagen – pure Koketterie?

Alles, was ich Ihnen erzählt habe, spiegelt sich in meinen Texten wider. Wer aber den Anspruch hat, dass dies noch lauter werden müsste oder Themen wie Rassendiskriminierung umfassen sollte, muss dies in meinen Liedern aufspüren – und dann sehen, ob es ihm genügt. Und für manche mag das nicht genug sein…

Frage: …zumal wenn Sie selbst nur von „Friede, Freude, Eierkuchen“ sprechen…

…was natürlich eine Provokation ist…

Frage: Aber entspricht diese wirklich Ihrer großen Sehnsucht?

Es ist dieses ganz romantische Bild „Wir gehören zusammen“ – mit all seinen Widersprüchen und Anklagen, Vermeidungen und Kränkungen. Wir kommen mit uns klar, wir gucken uns an, und die Liebe trägt uns, sogar im Streit: Das ist mein Weltbild. Doch als politisch denkender Mensch ist mir natürlich klar, dass es absoluter Quatsch ist zu behaupten, es gäbe keine Unterschiede – die ganze Welt besteht aus Unterschieden!

Frage: Nun gibt es ja eine Partei, die sich für die Gleichheit eingesetzt hat und für die Sie ja durchaus auch Sympathien hegen – schmerzt Sie der Niedergang der SPD?

Klar schmerzt das. Auch wenn ich es verstehen kann, dass sie dennoch in der Regierung mitwirken wollen, denn du kannst dem Niedergang der Kultur ja nicht nur zuschauen – und schließlich ist es immer noch eine Volkspartei. Die Frage ist: Blutest du irgendwann aus oder bleibst du aktiv dabei?

Frage: Was müsste die SPD tun, um nicht auszubluten und in der Bedeutungslosigkeit zu verschwinden?

Da müssten Sie jemanden aus der FDP fragen, denn die tun immer so, als wären sie in der Lage, die Jugend zu mobilisieren… Doch wenn du Christian Lindner eine Weile zuhörst, merkst du: Da ist ein Autoverkäufer am Start, der dir etwas sehr Metaphernreiches erklären will. Ich weiß nicht, was die SPD tun müsste, sondern sehe nur, dass vieles oft sehr unbeholfen herüberkommt – wie bei allen Parteien, die dann zum Schluss immer sagen: Es kam nicht rüber, was wir wollten. Oh doch, das kam immer rüber – eben deswegen sind sie ja nicht gewählt worden.

 Mittwoch, 6. Februar, 20 Uhr, Burghof Lörrach. Tickets: www.burghof.com

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