Lörrach Mitdenken erwünscht!

„Sprache ist für mich ein Organismus, der sich verändert, der mutiert, der eine DNA hat.“ Foto: Matthias Willi

Lörrach - „Mit Vollgas in die Sackgasse“ rast der Kabarettist Frank Sauer in seinem Programm, das er am Samstag, 23. März, 20 Uhr im Lörracher Nellie Nashorn präsentiert. Expressversand, Schnellstraße, Eilzustellung, Fast Food, Turbo Diesel, Blitzkarriere, Speed Dating: Der mehrfache Kabarettpreisträger widmet sich der Frage, ob die Geschwindigkeit unserer Welt noch stimmt – und deren Richtung. Im Vorfeld seines Auftritts sprach er mit Gabriele Hauger.

Frage: Fangen wir mal tierisch an: Woher stammt ihre Affinität zu Haien? Sie werben auf Ihrer Homepage ja um Spenden zum Schutz der Tiere.

Ich bin begeisterter Taucher und allem, was unter Wasser ist, sehr verbunden. Es gibt kaum ein Tier, das mit einem so schlechten und falschen Image behaftet ist wie der Hai, der millionenfach abgeschlachtet wird und am Aussterben ist. Ich bin schon öfter mit Haien getaucht. Klar, das sind keine knuddeligen Kuscheltiere, sondern Raubtiere. Aber sie sind absolut wichtig und schützenswert. Deshalb unterstütze ich das Shark Project, das sich vor allem der Aufklärung verschrieben hat. Ich finde, das ist eine gute Sache.

Frage: Vom Hai zum Kabarett: In Ihrem Programm geht es unter anderem um das Hin und Her zwischen Hamsterrad und Entschleunigung. Wo sehen Sie sich da selbst?

Das ist wohl für jeden ein Thema. Dieses Bedürfnis, tief auszuatmen, sich hinzusetzen, sich zu überlegen: Was mache ich eigentlich mit meinem Leben? Wie ist das Verhältnis von Geschwindigkeit und Ruhephasen? Wie kriege ich ein Gleichgewicht hin? – Stichwort Entschleunigung. Das habe ich natürlich auch an mir selber festgestellt. Von meinem Charakter her bin ich jemand, der nicht drei Stunden lang im Sessel vor sich hin trielt. Ich will eigentlich immer machen und tun. Man muss dann aber mal einen Schritt zurücktreten, sich selbst angucken: Was treibst du da?

Frage: Sie sind ein feiner Beobachter?

Klar, neben der Selbstbeobachtung, bietet ja mein Umfeld jede Menge Inspiration: Freunde, Familie, Fernsehsendungen, Radio, Zeitung. In den Medien wird das Thema Life-Balance unglaublich intensiv bearbeitet. Irgendwann setze ich mich dann hin und zwinge mich zur Kreativität. Und dann kommen die Einfälle.

Frage: In Ihrem aktuellen Programm kann eine Ehe schon mal an einem fehlenden Buchstaben scheitern. Die Feinheiten der Sprache stehen bei Ihnen als studiertem Literaturwissenschaftler also im Fokus?

Absolut! In jedem meiner Programme habe ich mich mit dem Thema beschäftigt, wie wir mit Sprache umgehen. Wie verändert sich Sprache, Beispiel „Denglisch“? Oder die geforderte neue Korrektheit bei der Wortwahl. Das lässt sich trefflich kabarettistisch verarbeiten. Sprachliche Reduktion ist natürlich ein weiteres Thema – siehe Facebook & Co: Daumen hoch, Daumen runter, mehr gibt es da ja nicht, Zwischentöne? Fehlanzeige!

Frage: Sie können auch giftig werden?

Natürlich übe ich durch Entlarvung auch Kritik. Sonst wäre es ja ein reines Comedy-Programm. Ich stelle mich nicht hin, bin sauer und brülle rum. Die Funktionsweise von Kabarett und Satire ist ja, dass man mit einem Grinsen die Dinge zuspitzt. Aber so eine Art Botschaft und das Mitdenkenmüssen sind mir schon wichtig. Als Moralist würde ich mich eigentlich nicht bezeichnen, das klingt so altmodisch, nach mahnendem Zeigefinger und Aufklärungskabarett der 60er Jahre. Ich gehe den subtilen Weg. Wenn Sie es allerdings als moralisch bezeichnen, dass ich mir wünsche, dass die Leute nachdenken und für sich eine gewisse Erkenntnis mitnehmen, dann kann man mich von mir aus auch moralisch nennen.

Frage: Als Kabarettist führt man ein stressiges Leben, ist viel auf Reisen. Was ist Ihre persönliche Gegenstrategie, um nicht mit Vollgas in der Sackgasse zu landen?

Tauchen zum Beispiel, denn das ist eine tolle Gelegenheit, zu entschleunigen und buchstäblich in eine andere Welt einzutauchen. Eine Welt, in der es wichtig ist, sich möglichst langsam zu bewegen, möglichst wenig Luft zu verbrauchen, den Augenblick zu genießen.

Frage: Aber Sie können nicht immer tauchen gehen, wenn Sie entschleunigen wollen.

Richtig. Meine Terrasse ist aber auch ein guter Rückzugsort. Dazu ein Glas Rotwein und die schöne Aussicht – das Ganze übrigens im Saarland, das viel schöner ist als sein Ruf.

Frage: War der Beruf eine bewusste Wahl?

Sagen wir so: Ich habe mich durch Zufall bewusst entschieden. In meiner Studienzeit trat ich öfters im Studentenkabarett auf. Ich habe eine Doktorarbeit über Kabarett begonnen und dann in Freibug Gerd Weismann kennengelernt, mit dem ich ein, zwei Mal im Monat auftreten wollte – das hat dann aber so reingehauen, hat sofort funktioniert – und ich konnte davon leben. Jetzt mache ich das seit fast 30 Jahren. Ich musste mich damals entscheiden: Mache ich Kabarett oder schreibe ich meine Doktorarbeit fertig. Denn beides ging einfach nicht. Dann habe ich mich von der Theorie verabschiedet und bin in die Praxis gewechselt. Ursprünglich wollte ich ja Lektor werden. Womit wir wieder bei meiner Begeisterung für Sprache wären.

Frage: A propos Sprache: Über die deutsche Sprache wird viel gejammert. Wie stehen Sie dazu?

Es ist schade, wenn sprachliche Differenzierungen oder Ausdrücke verschwinden. Andererseits kommt stets Neues und durchaus Kreatives dazu. Was nutzt der Kulturpessimismus? Ändert der was? Dann lieber genau hinschauen und an den sich verändernden Formen und Strukturen mitarbeiten. Oder andere darauf aufmerksam machen, Stichwort: mitdenken. Natürlich habe ich nicht den Anspruch, die Entwicklung der Sprache beeinflussen zu können: Aber ein Bewusstsein dafür zu schaffen, dass sich etwas verändert und wie es sich verändert, ist doch etwas. Sprache ist für mich ein Organismus, der sich verändert, der mutiert, der eine DNA hat, der sich häutet. Bestimmte Begriffe gibt es bald nicht mehr, weil sich die Sprache den veränderten Lebensumständen anpasst. Und um das zu beschreiben, braucht es eben auch neue Ausdrücke. Dass wir früher „stark“ und „groovie“ gesagt haben, und heute „geil“ und „mega“: Das sind vorübergehende Erscheinungen, die jede Jugendsprache hat und auch haben muss. Schließlich geht es darum, sich von der Erwachsenenwelt abzugrenzen.

Frage: Immer dieses Kreativsein – haben Sie Ihre Berufswahl je bereut?

Klares Nein. Der Schwabe sagt ja: „Ma muss halt’s schaffe möge...“ Im übrigen: Andere Berufe sind auch anstrengend. Aber so viel Spaß wie meiner macht wohl keiner.

  Samstag, 23. März, 20 Uhr, im Lörracher Nellie Nashorn, Karten auch in den Geschäftsstellen unserer Zeitung

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