Lörrach Mitreißende Lebendigkeit

Das aktuelle Spielzeitteam beeindruckt mit lebendiger Inszenierung und hohem Spieltempo Foto: Willi Vogl Foto: Die Oberbadische

Lörrach/Rheinfelden - William Shakespeares Drama „Romeo und Julia“ ist ein Klassiker und seit seiner Uraufführung Ende des 16. Jahrhunderts ein ungebrochener Publikumsmagnet. Shakespeares Sprachhorizont von der Gossensprache bis hin zur galanten Konversation der Höflinge steht allzeit im Dienst der Werkaussage und bot trotz seines dramatischen Hintergrunds auch in der aktuellen Inszenierung von Tempus fugit Gelegenheit für ebenso vielfältige wie kurzweilige Komik.

Vaclav Spirits Inszenierung setzt dabei vor allem in den vulgären Sprachteilen teilweise auf eine frisch-fröhliche Modernisierung der gereimten Originalvorlage und auf ein, wie im Londoner Globe Theatre beliebt, hohes Tempo der Szenenfolge. Spirits Fokus nutzt so gekonnt die darstellerischen Möglichkeiten des aktuellen Spielzeitteams aus angehenden Theaterpädagogen und trifft gleichermaßen die Lebenswelt des jugendlichen Publikums aus regionalen Schulklassen.

„Endlich dürfen wir wieder spielen“, freut sich Regieassistentin und Produktionsleiterin Julia Matt, nachdem die Arbeit am Stück bereits Ende des vergangenen Jahres begonnen hatte und die Premiere mehrmals verschoben werden musste.

Die Geschichte: Romeo und Julia gehören den in Verona verfeindeten Familien Montague und Capulet an. Die Fehde geht so weit, dass sich die Beteiligten regelmäßig zu Beleidigungen und blutigen Fechtkämpfen hinreißen lassen, sobald sie in der Stadt aufeinander treffen. Die Liebesbeziehung Romeos und Julias mündet in eine geheime Heirat, von der sich einige Familienmitglieder eine Aussöhnung der Familien erhoffen.

Die Ereignisse überstürzen sich. In einem Straßenkampf werden Mercutio von Thybalt und Thybalt von Romeo getötet, Romeo muss nach Mantua fliehen. Ein Schlaftrunk soll Julia für mehrere Stunden in einen todesähnlichen Zustand versetzen, um so der Hochzeit mit dem von der Familie vorgesehenen Bräutigam zu entfliehen. Romeo soll durch einen Brief, der ihn allerdings wegen eines Missgeschicks nicht erreicht, von diesem Plan in Kenntnis gesetzt werden.

In der Zwischenzeit sieht ein Freund Romeos die mittlerweile beigesetzte Julia in ihrer Familiengruft liegen, eilt zu Romeo und berichtet ihm vom angeblichen Tod seiner Geliebten. Romeo eilt nach Verona zum Grab seiner Frau, um sie noch ein letztes Mal zu sehen, dann nimmt er Gift und stirbt an ihrer Seite. Im selben Augenblick erwacht Julia aus ihrem todesähnlichen Schlaf, sieht, was geschehen ist, ergreift Romeos Dolch und tötet sich aus Verzweiflung ebenfalls.

In der Inszenierung von Tempus fugit stehen sich die beiden Familien Montagues und Capulet in bunter zeitgenössischer Kleidung kostümiert gegenüber – unterschieden durch blaue und rote Stirnbänder. Die anfangs rhythmisch klackenden Klanghölzer mutieren im Verlauf der Inszenierung mal zu eindrucksvoll genutzten Schlagstöcken oder zu einem frivol demonstrierten Symbol eines Penis.

Anne Ehmke musikalisierte das Drama und nutzt genretypisch die Darsteller auch in Musikantenrollen. So bringt sich Romeo mit einem Rap ein, Julia bekennt ihre Liebe auf der Basis eines Sonetts von Shakespeare als wohlklingende Sopranistin – und kaputt zirpende Gitarrenklänge symbolisieren die einsetzende Wirkung des Schlaftrunks.

Kleine aber feine Regieeinfälle intensivieren die Wirkung des gesprochenen Wortes und der lebendigen spielerischen Darstellung im Vordergrund mit durchgängig hohem Spieltempo. So quittieren etwa die beiden Familien quasi als zusätzliches Publikum den Kuss der beiden Titelfiguren mit theatralischen Seufzern und die zeitlupenartigen Tanzbewegungen beim Maskenfest betonen zusätzlich den Dialog der beiden Liebenden als zentrales Ereignis.

Bei den dramatischen Szenen, wie der Todesszene in der Familiengruft, hätte man sich eine Temporeduzierung gewünscht, um die Bandbreite zwischen emotionaler Betroffenheit und komödiantischem Amusement zu vergrößern. Ungeachtet dessen sind die spielerische Qualität, das kurzweilige Timing und die mitreißende Lebendigkeit der Darsteller beeindruckend.

Besonders zu nennen sind hier Isabel Ernst als starke wie kluge Julia, Jacob Mayer als vulgär aufbrausender Thybalt und Annabel Kessler als schrullige Amme. Chapeau den engagierten Darstellern und dem klug agierenden Produktionsteam!  

Die Premiere fand im Tutti Kiesi Rheinfelden statt. Weitere Termine sind am Samstag, 19., und am Sonntag, 20. Juni, jeweils um 19 Uhr, im Theaterhaus in Lörrach (www.tempusfugit.de).

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