Von Willi Vogl

Lörrach. „Die Datenhandschuhe stellen eine Art Mischpult dar, mit denen ich die Klavierklänge beeinflusse“, erläutert Ralf Schmid die Besonderheit seiner Performance „Pyanook“ im Burghof.

Der Freiburger Jazzpianist beschäftigt sich seit vielen Jahren mit der elektronischen und computergesteuerten Beeinflussung des Klavierklangs. Er fand nach sogenannten „Bodentretern“, wie man sie bei E-Gitarren benutzt, virtuellen Mischpulten am Computer und iPads nun mit dem Datenhandschuh das ideale Steuermedium für seine pianistischen Klangexpeditionen. Diese entfalteten zusammen mit den Licht- und Filminstallationen des Licht-Designers, Video Artists und Bühnenkünstler Pietro Cardarelli mystische Wirkungen. Der dritte im Bunde, Michele Locatelli, der als Art Director für gewöhnlich für einen reibungslosen tontechnischen Ablauf im Hintergrund sorgt, musste fehlen. Für ihn sprang das Technikteam des Burghofs kompetent und punktgenau in die Bresche.

Gleich beim ersten Titel „Life“ wurde deutlich, dass Schmids sitzender Spagat zwischen zwei Flügeln kein billiger Showeffekt, sondern einem konkreten Ausdrucksfokus geschuldet war. Dabei nutzte er ein nach dem Vorbild von John Cage mit Schrauben und Gummis präpariertes „dirty Piano“ sowie einen mit äußerster Brillanz intonierten Konzertflügel von Steinway als kontrastschaffende Klangerzeuger.

Klopfgeräusche auf den Korpus, gezupfte Klavierseiten, Schab- und Kratzgeräusche sowie verhuschte Klänge am Rande der Wahrnehmung kennt man seit Mitte des vergangenen Jahrhunderts. Bei Schmid werden sie im Puls der Jazzstilistik wahrnehmbar ohne dabei den allzu vertrauten Standardmodellen des Genres zu nahe zu kommen.

Rein akustisch würden derlei Klänge in einem großen Konzertsaal zumeist verpuffen. In der Luft tastend, schlagend, kitzelnd erkundet sie Schmid mit seinen Datenhandschuhen wie ein kompositorischer Alchemist und macht sie mit seinem elektroakustischen Equipment auch für ein großes Auditorium erlebbar. Dabei entstanden röchelnde bis filigrane Muster, die sich ein- und ausblendeten oder auch mal zu einem motorischen Kontinuum verdichteten.

Die Grundlage für Schmids sensibel entworfene und punktgenau präsentierte Kompositionen sind harmonische Modelle, die erst durch ihre Einfachheit mannigfaltige Echo- und Halleffekte sowie Überlagerungen mit sich selbst plausibel werden. „Ich wollte Klavier mal anders hören“, beschreibt Schmid seinen klanglichen Entdeckerdrang. Halsiges Pochen, kristalliner Diskant, beißende Härte, arabisch anmutende Harmonik oder weich wabernde Klangwolken stellen kontrastreiche Mittel dar, aus denen der Klangmagier seine psychedelisch wirkende Klanggebilde zaubert. In den Titeln wie „Zwei Elfen“ oder „Air“ outen sich einzelne Ausdrucksmomente zwar als Anleihe vertrauter Stilistiken wie Rock, Bebop oder Swing. Sie dienen zumeist jedoch lediglich als Vehikel für fantasievolle Klang- und Bewegungsmuster der ganz eigenen Art. Damit geriet sogar die Konzentration auf die Änderung eines Klangfarbenspektrums innerhalb eines einzelnen Tones zum konzertanten kurzweiligen Ereignis.

Das leider spärlich erschienene Publikum erklatschte sich nach dem 90-minütigen pointilistischen Klangzauber eine Zugabe. Hier konnte man Schmid handschuh- und technikbefreit auch als souveränen Jazzpianisten älterer Schule erleben. Mit der kapriziös stotternden Charakteristik dieses Werks zeigte er sich auch hier als ein faszinierender Komponist und Interpret mit unverwechselbarem Tonfall.