Lörrach Ohne Netz und doppelten Boden

Sarah Hein mit Hündin „Jeannie“ Foto: Sara Berg Foto: Die Oberbadische

Von Sara Berg

Lörrach. „Ein stinknormaler Job außerhalb der Manege? Das wäre nichts für mich“, da ist sich Sarah Hein sicher. Die 22-Jährige bezaubert mit ihrer Luftnummer an schwarzen Vertikaltüchern die Besucher des Lörracher Weihnachtszirkus’.

Gebannt starrt das Publikum bei ihren Aufführungen nach oben: Sarah, in bunt glitzernden Stoff gehüllt, scheint zu fliegen. Sie turnt und wirbelt in atemberaubender Höhe, lediglich gehalten durch die Vertikaltücher, die sich im Verlauf ihrer Drehungen um ihre Gliedmaßen schlingen. Sarah bezaubert die Menge – ohne Netz und doppelten Boden, die Angst vor dem Fallen ständig im Nacken, das ist Zirkus!

Von klein auf stand Sarah, deren Großmutter einst den Zirkus Hein gründete, in der Manege: Kaum hatte sie gelernt zu stehen, lernte sie es auf der Hand ihres Vaters zu tun, um diese kleine erste Nummer dann stolz dem Publikum zu präsentieren. „Ich bin hier im Zirkus groß geworden, das ist meine Welt“, erklärt sie. „Unser Spielplatz war die Manege.“

Doch das Leben im Zirkus ist keineswegs leicht: Mehrere Stunden Training gehören ebenso zu den Tagesaufgaben der Artistin wie das Versorgen der Tiere und das Sauberhalten des eigenen Wohnwagens. Für Hündin „Jeannie“, die als treue Begleiterin und Familienersatz zu jedem neuen Engagement mitkommt, bleibt da nicht immer viel Zeit.

Ihre Familie sieht Sarah trotzdem regelmäßig: „Gestern kam mein Vater extra vorbei, um seine neuen Ideen für meine Nummer noch einzubringen“, sagt sie mit einem Leuchten in den Augen. „Und für die Zeit, wenn wir gerade keine Aufträge haben, haben wir uns eine kleine Wohnung nördlich von hier ausgebaut.“

Nichtsdestotrotz: Nach einer kurzen Wohnwagen-Pause scheint die 22-Jährige des bürgerlichen Lebens bereits überdrüssig zu sein. „Wenn ich zwei, drei Monate zu Hause bin, zieht es mich wieder weg“, lacht sie. „Ich muss einfach herum reisen, die Welt sehen!“

Mit ihrem langjährigen Freund Zander Sperlich lebt Sarah ihren Traum: „Zirkuskinder bekommen früh ihre erste Gage“, erklärt Sarah. „Man muss aber auch sparsam sein. Wenn man sich zusätzlich noch andernorts nützlich macht, am Einlass hilft oder Leuchtstäbe verkauft, dann kann man sich früh einen solchen Wohnwagen leisten, wie wir ihn haben.“

„In unserer Beziehung gibt es kein ‘meins’ oder ‘deins’, und wir haben alles, was wir brauchen“, erklärt sie bescheiden. In der Tat scheint jedoch alles da, was man zum Leben benötigt: Auf den wenigen Quadratmetern finden neben einem breiten Bett und einer Kochzeile auch eine Sitzecke sowie eine Dusche Platz. Zusätzlich verfügt Sarah über ihren eigenen Badwagen, der Platz für Waschmaschine und Trockner bietet. „Ich kann mir kein anderes Leben vorstellen“, meint Sarah.

Doch die Besucherzahlen der vergangenen Jahre zeichnen ein anderes Bild. Weil viele Eltern das baldige Aus für den Zirkus fürchten, besuchen Zirkuskinder heute die Artistenschule, anstatt das Handwerk traditionell von ihren Eltern zu erlernen. Dort erwerben sie neben Kenntnissen in Artistik auch schulische Grundlagen und einen gültigen Abschluss.

Auch Sarah besuchte die Artistenschule bis 2008 und darf sich deshalb jetzt staatlich ausgebildete Artistin nennen. Ihre Nummer im Lörracher Weihnachtszirkus basiert letztlich auf den dort erworbenen Kenntnissen, wenn sie im Lauf der Zeit auch stark weiterentwickelt wurde.

Der in der Artistenschule erworbene erweiterte Hauptschulabschluss soll sie für die Zukunft absichern – zumindest wenn es nach ihren Eltern geht. Denn Sarah denkt gar nicht daran, sich jemals einem bürgerlichen Beruf zuzuwenden: „Sollten wir irgendwann keine Zuschauer mehr haben, würde ich lieber in Einkaufszentren auftreten oder – wie mein Vater und mein Cousin – Zirkusprojekte mit Schulklassen erarbeiten. Das wird derzeit sehr gut angenommen. Ein normaler Job kommt gar nicht in Frage“, sagt Sarah – ganz im Sinne der alten Zirkustradition.

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