Lörrach Poesie im Alltag

Foto: Jürgen Scharf Foto: Die Oberbadische

Von Jürgen Scharf

Lörrach. „Es gibt nichts Gutes, außer: Man tut es.“ Das geflügelte Wort ist ein Epigramm mit dem Titel „Moral“ von Erich Kästner und war Programm bei der Lesung mit Musik von Charles Brauer am Mittwochabend im Burghof. Der Erzähler und Sprecher Brauer hält sich an diesen Satz schon mit Blick auf die aktuelle problematische Zeit. Und er findet es in seinem Schlusswort gut, dass man solche Veranstaltungen nach längerer Zwangspause wieder erleben kann.

„Der Kulturbereich leidet“, sagt der bekannte Schauspieler, der bei seinem Kästner-Digest in eine noch viel problematischere Zeit zurückblendete. Anhand von Erich Kästners Lebenslauf führt er in einem „Best of“ durch das literarische Werk und sagt einiges zur Person des Dichters, den viele nur als Autor von Kinderbüchern wie „Emil und die Detektive“ kennen.

Dabei war dieser Erich Kästner, dessen Bücher 1933 verbrannt wurden, ein sehr politischer Mensch, der dem Alltag sein poetisches Potenzial abringen konnte und das Lebensgefühl der damaligen Zeit auf den Punkt gebracht hat. Der Verfasser der „Lyrischen Hausapotheke“ schrieb in einer Mischung aus Melancholie, Humor und Ironie.

Satirische Spitzen und zeitkritische Gedichte

Brauer, ein intimer Kästner-Kenner, hat politische, aber auch amouröse Gedichte und gesellschaftskritische Texte aus der Versfabrik des Dichters herausgesucht, dazu biografische Notizen aus dem Leben Kästners, der vor 121 Jahren in Dresden geboren wurde und schon im feldgrauen Rock des Rekruten literaturaffin war. Dass Kästner satirische Spitzen über Krieg und Militarismus zu Papier brachte, beweist Brauer mit „Sergeant Waurich“ oder „Primaner in Uniform“.

Man lernt eine Satire auf die Geldentwertung kennen und zeitkritische Gedichte aus „Herz auf Taille“, in denen Kästner den Nerv der Zeit trifft und von Tucholsky und Fallada dafür gelobt wird. Der präzise Beobachter Kästner war eben ein zeitkritischer und idealistischer Moralist, dessen Verse oft im Grundton einer skeptischen Melancholie verhaftet sind.

Charmant plaudert Brauer über Kästners Schreibwerkstatt – das Café –, über dessen seltsame Beziehungen zu Frauen, den Mutterkomplex („Mütter sind die besten Frauen“, wie aus einem Brief an Mutter Ida hervorgeht). Kästner, der nie heiraten wird, war übrigens das Ergebnis eines Seitensprungs. Sein leiblicher Vater war der jüdische Hausarzt – und so gibt es nie einen Vater in den Briefen und Büchern des Schriftstellers.

Charles Brauer liest und erzählt auf sympathische Art, direkt, persönlich, er braucht nur Lesebrille und ein Glas Wasser. Neben ihm spielt Pianist Günther Brackmann am liebsten Boogie-Woogie, UFA-Schlager und ein bisschen Swing der 30er Jahre. Die Lesezeit reicht, um auch mal abzuschweifen.

Man erfährt, dass Brauer durch den Regisseur von „Emil und die Detektive“, Gerhard Lamprecht, zum Film gekommen ist. Dieser habe ihn als Jungen auf der Straße für die Hauptrolle des in den Ruinen Berlins gedrehten Trümmerfilms „Irgendwo in Berlin“ entdeckt. „Sonst säße ich jetzt nicht hier“, resümiert der spätere „Tatort“-Kommissar. Und der Mann am Klavier spielt dazu Werner Richard Heymanns Schellack-Schlager „Irgendwo auf der Welt gibt’s ein kleines bisschen Glück...“

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