Lörrach Politische Parität noch nicht erreicht

Am 21. September 1884 stand Lörrach im Zentrum der demokratischen Revolution in Deutschland. Am vergangenen Samstag erinnerte die Stadt bereits zum fünften Mal an die Errungenschaften der Demokraten mit einem Tag der Demokratie.

Von Willi Vogl

Lörrach. Mit Blick auf die erste Wahl in Baden, an der vor 100 Jahren am 5. Januar 1919 auch Frauen teilnehmen durften, war die Veranstaltung im besonderen Maße den starken politisch engagierten Frauen von früher und heute gewidmet.

Neben dem vielseitigen Rahmenprogramm von September bis November informierten am Samstag auf dem Markt der Zivilgesellschaft Lörracher Institutionen, Vereine und private Initiativen über ihre Aktivitäten. Vertreten waren etwa die Bürgerstiftung Lörrach, die Gewerbeschule, die Fraktionen des Gemeinderates Lörrach, die örtliche Unicef Arbeitsgruppe, Parents for future Lörrach, PlusPunktZeit oder die Stadtmusik Lörrach.

Über einen rein sachlichen Informationswert hinausgehend stachen einige Botschaften durch ihre Präsentation besonders heraus. So machte fairNetzt mit einem witzigen Banner auf die kritische Masse von 15 Fahrradfahrern im Straßenverkehr aufmerksam, mit der man laut Straßenverkehrsordnung die gesamte Straße benutzen dürfe; Poetry-Slamer vom SAK trugen in einer Text.Box prägnante Texte zur Demokratie vor. Im Theaterhaus Tempus fugit diskutierten vier Frauen zum Thema „Frauen wählen – 100 Jahre! Frauen an die Macht?“ (Wir berichten noch ausführlich).

Empfang mit Landtagspräsidentin Mutherem Aras

Beim Empfang des Oberbürgermeisters mit Landtagspräsidentin Mutherem Aras im Alten Rathaus waren Landtagsabgeordneter Josha Frey sowie zahlreiche Stadträte und Honoratioren zugegen. Junge Schauspieler sensibilisierten auf dem Balkon und in den Fenstern des Rathauses mit einer kurzen Szene zur Frage der Frauenrolle um 1848.

Oberbürgermeister Jörg Lutz lenkte in seinem Grußwort die Aufmerksamkeit auch auf aktuelles politisches Geschehen. Mit Blick auf die Fridays for future freute er sich, dass sich die Jugend nun wieder zunehmend politisch zeige und dass es ihr nicht egal sei, „in welcher Welt sie leben und was in ihrem unmittelbaren städtischen Umfeld passiert“.

Revolutionsrednerin Mutherem Aras sieht die Geschichte der demokratischen Revolution dem Zeitgeist geschuldet als reine Männergeschichte. Bei der französischen Revolution vor 230 Jahren kämpften zwar Frauen und Männer an gleicher Seite, jedoch sei lediglich der Grundsatz der Brüderlichkeit Wirklichkeit geworden, der Grundsatz der Gleichheit jedoch nicht. In der Nationalversammlung der Paulskirche 1848 wurden die Frauen auf die Frauengalerie verwiesen, und auch unmittelbar nach der Novemberrevolution 1918 hatten sie immer noch kein Wahlrecht. Erst zu den Wahlen 1919 engagierten sie sich zielführend, sprachen mit einer Stimme, setzten sich durch und errangen das aktive und passive Wahlrecht.

Obwohl politische Parität nun seit 100 Jahren möglich ist, sind in der deutschen Politik die Geschlechterverhältnisse längst nicht ausgeglichen. Der Frauenanteil des Bundestages liegt bei knapp über 30 Prozent und sei damit wieder auf einen Stand von vor 20 Jahren gesunken. 22 Gemeinderäte in Baden-Württemberg seien ohne eine einzige Frau, lediglich acht Prozent der Bürgermeister im Land seien weiblich, und in den 35 Landkreisen des Landes gäbe es lediglich drei Landrätinnen.

Frauen haben nicht nur das Recht sondern auch die Pflicht, sich politisch zu engagieren.

Louise Otto-Peters, die vor 200 Jahren geborene Mitbegründerin der deutschen bürgerlichen Frauenbewegung, dürfte mit diesen Zahlen noch nicht zufrieden sein. Aras erinnerte an die sozialkritische Schriftstellerin mit ihrer wohl wichtigsten Forderung: Frauen hätten nicht nur das Recht sondern auch die Pflicht, sich politisch zu engagieren. Mit dem gemeinsam gesungenen Volkslied „Die Gedanken sind frei“ fand Aras‘ Rede ihren musikalischen Nachhall.

FOTOGALERIE Weitere Fotos unter www.dieoberbadische.de

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