Von Herbert Sitterle

Lörrach. Es gibt die untere und die obere Wallbrunns­traße. Für die Basler – oder Tumringer Straße bedarf es keiner Erklärung. Aber Wallbrunnstraße? Gibt es vielleicht weiter oben am Berg einen Brunnen? Eine Lörracher Persönlichkeit kann es nicht sein, denn dann gäbe es auf dem Straßenschild einen Hinweis, wie zum Beispiel in der Markus Pflüger Straße „Markus Pflüger 1824 – 1907 Reichstagsabgeordneter“.

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Einen Hinweis gibt es in der Stadtkirche. Im Durchgang zur Turmkapelle befindet sich eine Gedenktafel für Baron Gustav Magnus von Wallbrunn mit der Jahreszahl 1772 und einem beeindruckenden Wappen. Es zeigt auf blauem Grund drei Rauten. Darüber ein Helm mit blau-silbernen Decken und eine kleine Raute zwischen den Büffelhörnern. Man fragt sich, warum dies die einzige Gedenktafel in der Stadtkirche ist?

Dieser Mann war kein Pfarrer, sondern der Landvogt von Lörrach. Der war so etwas wie die Landrätin heute und residierte in der Landvogtei in der unteren Wallbrunnstraße, gegenüber dem Alten Rathaus. Der Landvogtei waren 42 Vogteien unterstellt. Baron von Wallbrunn lebte von 1702 bis 1772 und gehörte zu einem uralten hessischen Adelsgeschlecht aus Nieder-Ramstadt bei Darmstadt, das bis ins 12. Jahrhundert zurück reicht. Das Stammwappen der Herren von Wallbrunn findet man in mehreren hessischen Gemeinden.

Potenzial der Wiese für Industrie erkannt

Als Gustav von Wallbrunn zum Landvogt in Lörrach berufen wurde, stellte er fest, dass Vieles im Argen lag. Es war ein Mann von hoher Bildung und mit namhaften französischen Denkern im Austausch über die Frage, wie wirtschaftliche Entwicklung gefördert werden könnte. Die Wiese war für ihn eine Vision, ein Potenzial für verschiedene aufkommende Wirtschaftszweige, besonders der Textilindustrie.

Eines Tages hatte er ein Gespräch mit Johann Strauß aus Bayern. Der wollte eine Pulvermühle an der Wiese vor der Stadt bauen. Er hatte mehrere Jahre in Zürich in diesem Gewerbe gearbeitet, und nun sah er die Zeit gekommen, sich selbstständig zu machen. Er klagte dem Landvogt sein Leid und besonders auch die Benachteiligung für ihn als Ausländer. Es herrschte in Baden die Leibeigenschaft, und in Lörrach war die Steuerlast unerträglich. Es gab dort Herrschaften und Klöster, die Frohn und Zehnten kassierten. Von der Förderung junger Unternehmen konnte keine Rede sein. Dem Landvogt vom Wallbrunn ist dieses Gespräch nachgegangen. Ihm war bekannt, dass in dem verliehenen Stadtrecht von 1682 Neubürger, die ein Haus bauen oder ein Gewerbe anmelden, Steuerbefreiung für einige Jahre erhalten. Doch das Dokument war nirgends auffindbar, und die für die Pfründe Zuständigen wollten nichts davon wissen. Deshalb schrieb der Landvogt an den legendären Markgrafen Karl-Friedrich in Karlsruhe im Januar 1756 folgendes Gesuch: „ist ganz sicher zu schlüßen, daß wann die Last der Leibeigenschafft, welches die Ausländer abschröcket an hero zu ziehen, dem Ort Lörrach abgenommen wird, derselbe in kurzem Empor kommen dörffte, wodurch auch dem Commercio sehr geholffen würd.“

Von Wallbrunn glaubte, dass dies nicht nur Lörrach, sondern auch dem ganzen Land zum Vorteil gereichen würde. Natürlich blieben die Gegner dieser Initiative nicht untätig, doch von Wallbrunn blieb am Ball. Am 3. Mai hakte er nochmals nach, und vier Wochen später kam der markgräfliche Bote aus Karlsruhe mit dem „Privilegienbrief“ und überreichte von Wallbrunn diese meisterlich gestaltete Urkunde, die auch heute noch im Stadtarchiv bewundert werden kann. Es war aber nicht nur eine Bestätigung des Stadtrechtes, sondern eine Neufassung weitreichender Rechte. Von Wallbrunn rieb sich die Augen, als er dies las. Darin wird die „völlige Leibesfreyheit gnädigst“ bestätigt. Die Bürger sind von der Herrschafts – und Landesfrohn befreit und müssen nur noch für die entstehenden Kosten der Stadt aufkommen, die Neubürger „welche zur Auslegung nützlicher Manufakturen und Treibung des erlernten Gewerbes bereit sind, erhalten das Bürgerrecht und zehn jährige Abgabefreiheit.“

Steuerprivilegien für Gewerbetreibende

Die Lörracher durften nun einen Bürgermeister und sechs Gerichts- und Ratspersonen wählen. Von Wallbrunn war am Ziel seiner Bemühungen. Das war die beste Ausstattung, um die Industrialisierung voran zu treiben und Johann Strauß war überglücklich. Nun konnte er mit viel Rückenwind seine Pulvermühle an der Wiese bauen. Mit einem großen Fest am 23. und 24. August wurde diese gewaltige Errungenschaft gefeiert.

Am Samstag, 23. August fand die feierliche Verpflichtung des ersten Bürgermeisters und des Stadtrates statt. Von Wallbrunn übergab die vom Landesherren gestiftete Trommel und Fahne und hielt eine feierliche Ansprache. Am Sonntag gingen alle in die Kirche, und Pfarrer Johann Leonhard Walz ermahnte die Lörracher Bürger mit folgenden Worten: „Die Veränderung des Namens, der äußeren Gestalt und Umstände des Orts machen die Sache nicht aus. Es muss eine Veränderung in den Herzen der Bürger vorgehen. Richtet Euer Augenmerk auf die wahre Verbesserung, das ist, auf die Besserung eurer selbst. So würde unsere Stadt eine Stadt der Gerechtigkeit und eine fromme Stadt heißen. Es würde sich wohl zeigen, daß aus Kindern Leute, aus einem geringem Orte eine erhabene Stadt werden kann.“ Das hat von Wallbrunn gut getan, denn beide schätzten sich und waren bemüht, die Stadt voran zu bringen. Danach hielt von Wallbrunn vor der Landvogtei eine kurze Rede, der Landschreiber Süß verlas den Privilegienbrief, und eine viermalige Salve der Stadtkompanie war der Dank Lörrachs an den Landesherren. Den ganzen Tag über wurde dann gefestet „bis auf den Späthen Abend in denen Burgers – und Gasthäußern und es von hiesiger Burgerschafft nicht der mindeste Exzeß verübet worden ist.“ Eine weitere Sensation war, dass die „Hochfürstliche Marggrävlich – Baden – Durlachische geheime Canzlei“ ein gedrucktes Werbeprospekt für Lörrach in deutscher und französischer Sprache heraus brachte. Auch dies hatte von Wallbrunn eingefädelt.

Lörracher Pfarrer Walz wird Hofprediger

Nachdem Pfarrer Walz einige Jahre in Lörrach tätig war, wurde er zum Hofprediger nach Karlsruhe berufen und der Markgraf dankte von Wallbrunn für diese Empfehlung. Johann Leonhard Walz und Markgraf Karl-Friedrich hatten in vielen Gesprächen darüber nachgedacht, wie sich dieses Baden zum Guten entwickeln könnte. Am Sterbebett von Pfarrer Walz sagte der Markgraf; „Ich komme, Ihnen für alle Liebe und Freundschaft zu danken, die Sie mir und meiner Familie bewiesen haben.“ So hat sich Baron von Wallbrunn für Lörrach und ganz Baden verdient gemacht, und nun kann man verstehen, warum sich diese Gedenkplatte in der Stadtkirche befindet.

Das Straßenschild „Untere Wallbrunnstraße“ findet man erst nach einigem Suchen weit oben beim „Wilden Mann“. Da das Gebäude „Sonne“ neu gestaltet wurde, ist zu überlegen, ob nicht ein entsprechendes Straßenschild an diese Hauswand angebracht werden könnte, damit klar ist, dass es sich nicht um einen Brunnen oben beim Salzert handelt.