Lörrach Reden – und zwar jetzt

Cornelia Achenbach wuchs in Lörrach auf und arbeitet inzwischen als Redakteurin. Nun hat sie ihren ersten Roman veröffentlicht.                            Fotos: zVg/Wunderraum Verlag Foto: Die Oberbadische

Lörrach. „Darüber reden wir später“, ein Satz, der in vielen Familien fallen dürfte. Die in Lörrach geborene und aufgewachsene Journalistin Cornelia Achenbach, Tochter einer Lehrerin am Hans-Thoma-Gymnasium und eines Lehrer vom Hebel Gymnasium, hat mit diesen Worten ihren Erstlingsroman betitelt. Ein tiefgründiges, intensives und melancholisches Buch, dem man viel Erfolg bei der Leserschaft wünscht.

„Darüber reden wir später“

Leicht ist es für ein Erstlingswerk derzeit nicht. Schließlich wurden coronabedingt alle Autorengespräche, alle Lesungen abgesagt. Stöbern in Buchhandlungen ist erst ab Montag wieder möglich. Die junge Autorin zeigt sich indes zuversichtlich. Und wurde von ihrem Verlag Wunderraum bereits für ein zweites Werk angefragt. Darin wird es um eine Frauenfreundschaft gehen, die in der Generation der 30-Jährigen angesiedelt ist, ausgehend von einem Klassentreffen. Und sicher wird man dabei auch einige Spuren von Cornelia Achenbachs Heimatstadt Lörrach finden, „ohne dass das in Richtung Heimatroman geht“, betont die Autorin im Gespräch.

Doch zurück zu ihrem ersten Roman. „Darüber reden wir später“: Ein Lederkoffer mit Tagebuchnotizen der Mutter ist Auslöser dafür, dass sich die zentrale Romanfigur, die Mittsechzigerin Margret, mit ihrer Familiengeschichte auseinandersetzt. Cornelia Achenbach, Jahrgang 1985, taucht sensibel und überzeugend in die Biografie, in das Seelenleben, in die Gedankenwelt der älteren Protagonistin ein. Erzählt wird aus deren Kindheit und Jugend, ihrer Ehe und von ihren zwei Geschwistern in Rückblenden.

Aus der familiären Normalität mit Haus, Garten, erwachsenen Kindern wird Marget jäh herausgerissen, als ihr Mann einen Schlaganfall bekommt, ins Koma fällt, und an Schläuche und Maschinen angeschlossen im Krankenhaus liegt. Eine Extremsituation. Allein im Haus müsste Margret eigentlich verzweifeln. Doch fast genießt sie dieses Alleinsein und vertieft sich erst ablehnend, dann zögerlich, dann zunehmend fasziniert in die Tagebuchseiten ihrer Mutter, die von Kriegszeiten, Angst und Elend erzählen, und in denen Margret erkennt, wie wenig sie eigentlich über die Gefühle und Gedanken ihrer längst verstorbenen Mutter weiß.

Inspiration aus dem Nachlass der Großmutter

Zu diesen Passagen wurde die Autorin von Notizen aus dem Nachlass ihrer eigenen Großmutter inspiriert. Und sie hat dabei bewusst deren spröden Tonfall sowie einige Szenen aus den Tagebüchern übernommen. Ihr sei bewusst geworden, wie wenig sie mit ihrer Oma über deren Leben gesprochen habe, erzählt Achenbach. Eine verpasste Chance, mehr über die eigene Familiengeschichte, die eigenen Wurzeln zu erfahren. „Doch mit 20 interessiert man sich leider für diese alten Sachen nicht.“ Das „Darüber reden wir später“ ist eben nicht immer eine Option.

Ein Grundgedanke, der sich durch den ganzen Roman zieht. Und der auch das Leben der beiden Geschwister Margrets betrifft. Da ist die ältere Schwester Ingrid, die einsam und distanziert lebt und sich erst kurz vor ihrem Freitod ihren Geschwistern gegenüber öffnet. Da ist der sympathische, treue Bruder Bernhard, ein wenig unbeholfen, aber liebenswürdig, emotional und empathisch.

Und immer wieder Margret, ihre vermeintlich verpassten Lebenschancen, Lebenslieben, ihr Gefühl, den eigenen Ansprüchen nie genügt zu haben.

Der Leser nimmt teil an diesen Geschichten, diesen empathischen Charakterstudien, diesen oberflächlich so alltäglichen Leben, die ihre Abgründe, ihre Schicksale, ihre Narben haben. Dabei überzeugt die Autorin mit einem sehr authentischen, individuellen Schreibstil. Sie kennzeichnet mit ihren teilweise unvollendeten Sätzen, mit welch floskelhaften Aussagen wir konfrontiert werden oder die wir selbst benutzen, wenn wir uns überfordert fühlen.

Cornelia Achenbach inspiriert uns, hinter die Fassaden der eigenen Familiengeschichte zu schauen, damit wir eben nicht erst später darüber reden – sondern jetzt.

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