Lörrach Rückblicke eines Getriebenen

Auch Günther Stein selbst war bei der Filmpremiere im Union-Kino zugegen, am Mikrofon ein Mitglied des Deutsch-Israelischen Arbeitskreises südlicher Oberrhein. Foto: Beatrice Ehrlich Foto: Die Oberbadische

Von Beatrice Ehrlich

Lörrach. Auf großes Interesse ist die Premiere des Films „Günther Stein – Die Lebensgeschichte eines deutschen Juden“ im Lörracher Union-Kino gestoßen. Zusätzlich zu den geladenen Gästen kamen viele Interessierte, weit über den Landkreis hinaus.

„Man wird zu dem, was die anderen aus einem machen“, sagt Filmautor Matthias Kuntze vom Deutsch-Israelischen Arbeitskreis südlicher Oberrhein im persönlichen Gespräch im Anschluss an die Filmpremiere. In seinem Film dokumentiert er den Lebensbericht des in Freiburg geborenen Juden Günther Stein, der Kindheit und Jugend in Grenzach verbrachte und 1937 auf der Flucht vor den Nationalsozialisten mit seinen Eltern nach Palästina ausgewandert ist (wir berichteten). Sein Leben, so führt der Film vor Augen, ist bis heute geprägt durch diesen Einschnitt.

„Man wird zu dem, was die anderen aus einem machen“

Die Flucht der Familie Stein zu Fuß über eine Rheinbrücke nach Basel, die von der Basler jüdischen Gemeinde unterstützte Ausreise nach Palästina, die harten Jahre im Kibbuz, zunächst in der britischen, dann in der israelischen Armee und dann schließlich der Versuch, sich eine Existenz als Importeur deutscher Autos aufzubauen – all das wird anhand von Archivbildern, Dokumenten und der gemeinsamen Rückkehr an die Schauplätze von Günther Steins Leben in Deutschland und Israel nachvollzogen.

Dass auf der Gedenkstele für die Lörracher Juden in der Teichstraße Steins Onkel und Tante zu sehen sind, hat Kuntze anhand von Familienfotos herausgefunden. Puzzleteil für Puzzleteil hat sich für ihn im Verlauf seiner Recherche die Geschichte der Familie Stein zusammengesetzt.

Der Zwiespalt wird deutlich: zwischen dem Schulbuben, der sich seines Judentums kaum bewußt war – und dem Flüchtling im entstehenden Staat Israel. Günther Stein hier – Naftali Stein dort, nicht einmal sein Name blieb dem ehemaligen Lörracher Hebelschüler erhalten. Ein Gedanke drängt sich auf: Wie hätte er in all den Jahren gelebt, wenn er damals in Grenzach hätte bleiben können? Wäre es so verlaufen wie das Leben derer, die sich nach der Flucht des öffentlich versteigerten Besitzes seiner Familie bemächtigten? In einer erhaltenen Liste der versteigerten Gegenstände – Betten, Lampen, Kissenbezüge, Kleider – die auch im Film kurz gezeigt wird, sind Käufernamen und die erlöste Summe für jeden einzelnen Gegenstand minutiös festgehalten.

Steins Leben ist auch eine deutsche Geschichte, die ein Schlaglicht wirft auf tiefgehende Verletzungen, die heute alles andere als verheilt sind. Auch wenn viele Deutsche heute gerne einen Schlussstrich ziehen würden, die Opfer – so wird es in diesem Film überdeutlich – können es nicht, selbst wenn sie es wollten. Kuntzes Film führt das in eindrücklicher Eindeutigkeit vor Augen. Stein, 92, spricht deutlich, manchmal zynisch, die Zukunft des Staates Israel malt er in düsteren Farben. Man sieht förmlich die geballten Fäuste des alten Mannes, die sich nicht gegen die Deutschen, sondern gegen die heutigen Feinde Israels richten.

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