Lörrach Schock, Bestürzung, Trauer, Wut

Lörrach - „Ich bin geschockt, erschrocken, bestürzt und auch wütend.“ Landesrabbiner Moshe Flomenmann von der Israelitische Kultusgemeinde in Lörrach nimmt sichtlich bewegt Stellung zu den schrecklichen Geschehnissen am Mittwoch in Halle und wünscht sich als Konsequenz mehr Polizeipräsenz vor Synagogen.

Ein 27-jähriger mutmaßlicher Täter hatte am höchsten jüdischen Feiertag Jom Kippur zwei Menschen vor der dortigen Synagoge erschossen, weitere schwer verletzt und zudem versucht, schwer bewaffnet das Gotteshaus zu betreten.

Flomenmann hat sieben Jahre in Halle gewirkt

Flomenmann ist doppelt bestürzt, da er die jüdische Gemeinde in Halle bestens kennt und dort fast sieben Jahre wirkte. „Ich habe natürlich gleich nach Jom Kippur mit dem Vorsitzenden der Gemeinde telefoniert. Da herrscht ungeheure Betroffenheit.“

Flomenmann betont das gute Verhältnis zur Lörracher Polizei, die die Synagoge als besonders schützenswerte Einrichtung regelmäßig im Auge hat. Dennoch würde er sich mehr Präsenz wünschen, insbesondere an den jüdischen Feiertagen, wenn das Gotteshaus gut besucht ist. „Die Juden sollten beschützt werden und ohne Angst beten können.“ Die Lörracher Gemeinde habe zwar auch einen eigenen Sicherheitsbeauftragten und investiere in die Sicherheit. Für verstärkte Maßnahmen fehle indes das Geld. Der Vorfall in Halle habe gezeigt, dass Juden in Gefahr sind. „Diese Gefahr ist eben leider nicht nur eine gefühlte, sondern eine ganz reale.“

Gänzlich unverständlich findet der Rabbiner, dass jüngst in Berlin ein Syrer, der mit einem Messer auf jüdische Gemeindemitglieder losging, am nächsten Tag wieder auf freien Fuß gesetzt worden sei. „Das ist ein ganz falsches Signal“, das andere potenzielle Attentäter zu ähnlichen Taten ermuntern könne. „Das war verstörend – und zwar für alle Juden in der Welt.“

Viele politische Solidaritätsbekundungen

Natürlich ist er dankbar für all die politischen Solidaritätsbekundungen, die jetzt nach den Geschehnissen in Halle geäußert würden. Indes: „Es ist schade, dass erst zwei Menschen sterben müssen, bevor solche Signale gesetzt werden und die Synagogen mehr geschützt werden.“

Auch in der Lörracher Gemeinde treffen seit Mittwoch viele Solidaritätsbekundungen in Briefform oder per E-Mail ein, es kommen auch Menschen persönlich vorbei, um ihrer Bestürzung Ausdruck zu geben. „Es ist schön, dass die Menschen hier Mitgefühl zeigen“, sagt Flomenmann.

Polizei ist „sehr sensibilisiert, was Schutz der Synagoge angeht“

Angesichts der Sensibilität im Umgang mit schützenswerten Einrichtungen äußert sich Polizeipressesprecher Jörg Kiefer zurückhaltend zu den polizeilichen Vorkehrungen. Insgesamt betont auch er auf Nachfrage das gute Verhältnis zur Führungsspitze der Israelitischen Kultusgemeinde. „Wir sind generell sehr sensibilisiert, was den Schutz der Synagoge angeht“, betont er. Das Innenministerium habe nun nach dem Attentat bis auf weiteres Anweisungen zum verstärktem Schutz der Gotteshäuser herausgegeben.

Der Wunsch nach dauerhafter Polizeipräsenz an Feiertagen sei durchaus nachvollziehbar; darüber werde jedoch an höherer Stelle je nach Lage-Bewertung entschieden. Allerdings gebe es von mancher Seite Bedenken, dass eine dauerhafte uniformierte Polizeipräsenz vor jüdischen Einrichtungen auch Ängste oder ein verstärktes Bedrohungsgefühl auslösen könnte. „Die Vorkommnisse in Halle treffen uns alle“, betont Kiefer. Und sie dürften das Bewusstsein für die Existenz schützenswerter Einrichtungen generell erhöhen.

Mehr als 100 Personen zeigen Anteilnahme

Auf Anregung von Lars Frick, Fachbereichsleiter Kultur und Tourismus, wurde am Donnerstagabend zu einer Mahnwache vor der Synagoge aufgerufen, um sich mit der jüdischen Gemeinde solidarisch zu erklären und der Opfer zu gedenken. Frick: „Wir stehen solidarisch neben der Israelitischen Kultusgemeinde. Für Toleranz und Menschlichkeit. Gegen rassistische oder antisemitische Hetze. Gegen Hass und Mord. Nicht in Halle. Nicht in Lörrach. Nirgendwo.“

Dem Aufruf folgten rund 100 Personen, darunter Oberbürgermeister Jörg Lutz. Er sagte: „Wir müssen nach außen zeigen, dass solche Gewalt keinen Platz in unserer Gesellschaft hat.“ Auch Landrätin Marion Dammann und Gudrun Heute-Bluhm, Geschäftsführendes Vorstandsmitglied des Städtetages Baden-Württemberg, beteiligten sich an der Mahnwache, bei der Moshe Flomenmann nicht nur den Teilnehmern dankte, sondern insbesondere der Polizei, die den ganzen Tag und auch am Abend vor der Synagoge mit schusssicheren Westen und Maschinenpistolen Präsenz zeigte.

 

Video zur Mahnwache:

 

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