Lörrach Sehnsucht nach Zirkusluft

Gabriele Hauger

Corona: Zirkusfamilien kämpfen um ihre Existenz. Gutschein-Verkäufe würden helfen.

Lörrach - Kein buntes Zelt, keine Clownsnase, keine Salti, keine Zirkusluft: Corona bringt Zirkusfamilien auf der ganzen Welt in Nöte. Existenzen stehen auf dem Spiel. Auch die weit verzweigte Zirkusfamilie Frank ist betroffen. Regelmäßig erfreut ihr traditioneller Weihnachtscircus Montana die Menschen hier in der Regio – diesen Winter blieb der Zeltplatz im Grütt verwaist.

Die Familie Frank gilt als größte Zirkusfamilie Europas. Die beiden Brüder Monti und Manuel Frank wären mit ihren jeweiligen Familienmitgliedern eigentlich seit Spätherbst auf Tournee. Landauf, Landab, dazu die wichtige Station des Weihnachtscircus, der sich mit seinen spektakulären Artistennummern ein treues und begeistertes Stammpublikum erobert hat.

Frust, Sorge, nackte Existenzangst

Stattdessen herrschen Frust, Sorge, nackte Existenzangst. Beide Familien bezogen Quartier. Acht Wohnwagen samt verpackten Zirkusmaterial stehen auf dem Tschamber-Areal in Wehr, auf dem Monti Frank seit vielen Jahren Gastrecht genießt. Hier leben 14 Menschen, darunter vier Kinder im Alter zwischen zwei und sechs Jahren, ein fünftes ist unterwegs und soll nächsten Monat das Licht der Welt erblicken. Wenigstens ein frohes Ereignis, sagt Monti Franks Sohn Maurice.

Ansonsten herrsche auf beengtem Wohnraum doch viel Besorgnis, denn: „Unsere finanziellen Reserven sind praktisch aufgebraucht.“

Weiteres Problem: Die Zirkusleute können nur unzureichend proben. „Im Wohnwagen lässt sich platzbedingt nur begrenzt trainieren, und draußen ist es viel zu kalt“, erklärt der 21-Jährige Maurice, der normalerweise mit seiner geschickten Teller-Nummer auf Stangen begeistert und am Schlagzeug für die so wichtige Live-Musik im Zirkuszelt sorgt. „Man will auftreten – und darf nicht. Dazu die Unsicherheit, wann es endlich wieder losgehen kann – das zehrt an den Nerven“, erklärt er traurig.

Hoffnungsvolles Warten auf weitere Gelder

Beim ersten Shutdown halfen noch die recht schnell fließenden staatlichen Hilfen. Auf weitere beantragte Gelder in der jetzigen Situation wartet die Familie bisher immer noch hoffnungsvoll. Denn gerade jetzt im Januar trudeln stapelweise Rechnungen ein, Steuernachzahlungen oder Fahrzeugversicherungen. „Kurzarbeit funktioniert bei einem Zirkusunternehmen nicht. Ich hoffe, dass wir das überleben“. Angebote, den Zirkus zu unterstützen, sind daher willkommen, erklärt Frank.

Zum Glück können sich die Familienmitglieder aufeinander verlassen. „Wir bauen uns gegenseitig auf, gehen viel raus an die Luft, wandern, mit den Kleinen spielen. Aber natürlich sitzt man auch viel vor dem Fernseher.“ Maurice Frank hofft, dass sie demnächst privat einen großen Raum zur Verfügung gestellt bekommen, indem sie weiter proben und trainieren können. Zwar verlerne man seine artistischen Fähigkeiten so wenig wie das Radfahren, dennoch sei es wichtig, nicht einzurosten.

Glücklicherweise ist für die Tiere gut gesorgt. „Denen geht es gut, sie haben ein Winterquartier mit Stallung bei einem Bauernhof“, beruhigt Maurice Frank.

Natürlich ist die ganze Frank-Familie am Ideen sammeln, wie es weitergehen kann. Wie sehr sie die Zirkusluft vermissen, wird allen täglich nur deutlich.

Auf einer Stellfläche bei Bekannten in Feuchtwangen wartet indes die Familie von Manuel Frank auf das Ende des Shutdowns. Die Kamele und andere Großtiere sind im Löffinger Schwarzwaldpark gut untergebracht. Im Winterquartier der Familie sind nur die Ponys und Ziegen geblieben, erzählt Sandra Frank am Telefon. „Denen geht es gut, die haben sich schon kleine Weihnachtsbäuche angefressen“.

Kein Wunder – Tiere und Menschen fehlen die Auftritte in der Manege gleichermaßen. Fleißig trainiert wird trotzdem. „Wir machen drei mal in der Woche Training in einer Scheune, arbeiten an Kostümen, planen neue Auftritte. Man muss Disziplin zeigen.“ Auch wenn das angesichts der Ungewissheit manchmal schwer falle.

Die wohnliche Nähe stört indes niemanden. „Wir haben große Wohnwägen, das ist unser Leben.“ Richtig vermisst wird von Sandra Frank das Herumreisen, der Kontakt zu den Menschen, die strahlenden Kinderaugen im Zuschauerrund.  Seit April stehen sie am gleichen Ort – das gab es noch nie. „Meine Tochter hat in ihrer Schulzeit 450 verschiedene Schulen besucht. So etwas an Stillstand wie jetzt kennen wir Zirkusleute gar nicht.“ Das Auftrittsverbot besteht für sie gefühlt schon fast Jahre. „Der ganze Arbeitsablauf fehlt mir unglaublich. Da muss man aufpassen, dass das nicht an die Psyche geht“, ergänzt sie nachdenklich.

Training, Planung und ein Imbiss

Dennoch möchte sie nach vorne schauen, baut auf Impfstoff und baldige Auftrittsmöglichkeiten unter entsprechenden Hygieneschutzmaßnahmen. „Irgendwo gibt es ein Licht am Ende des Tunnels, auch wenn ich es noch nicht sehe“, meint sie mit Galgenhumor. Aktiv ist die Familie trotzdem. Neben Training und Planung wird ein Imbiss betrieben, der finanziell ein wenig weiterhilft. „Denn die Kosten laufen ja weiter: Futter, Versicherungen, Lebenshaltungskosten...“.

Wichtig ist ihr, dass die Lörracher den Zirkus nicht vergessen. „Der Weihnachtscircus mit all den Stammgästen fehlt uns sehr. Da sind in all den Jahren richtige Freundschaften entstanden. Bei manchen weiß man genau, auf welchem Platz, in welcher Loge sie alljährlich sitzen.“ Sie hofft sehr, im kommenden Winter in Lörrach alle wiederzusehen.“ Freuen würde sie sich, wenn Freunde des Zirkus schon jetzt Gutscheine für kommende Vorstellungen kaufen würden.   Gutscheine für eine Zirkusvorstellungen kann man bestellen unter Tel. 01772/989417

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