Lörrach Sich bücken, verweilen, gedenken

Lörrach - In feierlichem Rahmen wurden die ersten Stolpersteine zum Gedenken an die Lörracher Opfer der Nationalsozialisten verlegt. In einer Serie porträtieren wir diese und beleuchten in dieser Folge das Schicksal von Heinz Leible.

Heinz Leible ist ein fröhlicher Mensch. Musisch und sprachbegabt. Er erlernt in Basel den Beruf des Speditionskaufmanns und wohnt mit seinen Eltern, zwei Brüdern und der Schwester Margret in der Wallbrunnstraße 10. Die Unternehmerfamilie Leible-Ganter führt in der Innenstadt das Porzellanwarengeschäft Ganter und nebenan das Havanna-Haus Ganter in der Wallbrunnstraße 12.

Doch das Leben des gutaussehenden Lörracher Unternehmersprösslings – gebildet, eloquent und mit vielversprechendem Potential – endet tragisch und abrupt, als Opfer von NS-Justiz und Gewaltherrschaft.

Er wird von einem Unbekannten denunziert. Im Alter von 23 Jahren wird Heinz im Oktober 1936 wegen sogenannter „gleichgeschlechtlicher Handlungen“ verhaftet und am 7. April 1937 vom Landgericht Freiburg zur Gefängnisstrafe verurteilt. Im Herbst wird der Häftling mit der Nummer 6601/37 wieder entlassen.

Kurz darauf wird Heinz in Karlsruhe erneut festgenommen. Dort verbüßt er drei Monate Haft. Häftling Nr. 13357 kommt aber nach der regulären Strafzeit nicht frei, sondern wird unter sogenannte „Schutzhaft“ gestellt. Am 6. August 1938 wird er nach dem Heidelberger Gefängnis ins KZ Dachau überführt. Heinz Leible ist nun „Schutzhäftling Homosexuell“ und trägt die Häftlingsnummer 18363.

Warmer Pullover für Lörracher Mithäftling

Heinz sorgt sich um seine Familie, Freunde und Mithäftlinge. Als im eiskalten November 1938 über 40 jüdische Männer aus Lörrach in Dachau eintreffen, unter ihnen auch Alfred Bodenheimer, schenkt Heinz dem Schuhhändler, den er aus seiner Heimatstadt gut kannte, seinen warmen Pullover. Auch deswegen wird er am 27. September 1939 nach Österreich ins KZ Mauthausen verlegt. Dort erhält Heinz anfangs die Häftlingsnummer 1743. Er wird wie andere Homosexuelle zu schwerer Zwangsarbeit im Steinbruch des Außenlagers Gusen bei Linz eingeteilt.

Für kurze Zeit scheint das Glück ihm hold: Wegen seiner kaufmännischen Ausbildung und sehr guter Französisch- und Italienischkenntnisse wird er in der Lagerverwaltung des KZ Mauthausen eingesetzt. Doch der Häftling, der inzwischen die finale Nummer 864 zugeteilt bekommen hat, wird nicht überleben.

Das Schicksal des ermordeten Onkel Heinz wird in der Familie Leible lange totgeschwiegen. Sein Neffe Hansjörg Leible erklärt sich das so: „Meine Eltern und mit ihnen die meisten Deutschen wollten die Schreckensszenarien rasch vergessen. Über die Zeit des Krieges wurde mit uns Kindern nie gesprochen.“

Hansjörg Leible hat erst mit 25 Jahren begonnen, sich für die Geschichte seines Onkels zu interessieren. Aber seine Fragen waren seinem Vater peinlich. Schließlich war Homosexualität zu dieser Zeit geächtet und strafbar. Die Familie unternahm auch keine Versuche herauszufinden, wer Heinz denunziert haben könnte. „In dieser Zeit genügten schon oft niedrige Beweggründe wie Neid, Hass oder Missgunst, um ein Leben zu vernichten,“ so Hansjörg Leible in der Reflexion.

Vater und Großvater, so erinnert er kritisch, haben auch an der Versteigerung jüdischen Eigentums teilgenommen. Aber auch das ist wahr: Großvater, Vater und Geschwister haben wirklich alles Erdenkliche getan, Heinz aus dem KZ herauszubekommen. Sie schreiben verzweifelt Briefe an den örtlichen Gestapochef, an die Gestapozentrale in Karlsruhe, selbst an den Führer nach Berlin. Heinz Leible schreibt 55 Briefe aus dem KZ. Als er wieder einmal einen Brief an seine Familie herausschmuggeln will, wird er vom Lagerkommandanten erdrosselt. Die offizielle Verlautbarung und Lüge lautet: „Freitod durch Erhängen.“

Das Interesse von Hansjörg Leible an seinem Onkel Heinz wird neu entfacht, als er in Berlin wie zufällig über Stolpersteine läuft. Er erinnert sich, dass er sich habe bücken müssen und sich vorstellte, was wohl für liebenswerte Männer, Frauen und Kinder hier gelebt haben müssen. Das wünscht er sich nun auch für seinen Onkel Heinz: Dass Menschen über dessen Stolperstein laufen, sich bücken und kurz verweilen, um an das Schicksal des Ermordeten zu denken.

Hansjörg Leible sagt: „Die Stolpersteine ermahnen uns auch, daran zu denken, dass wir heute in einer besseren Gesellschaft leben, die zu erhalten es sich lohnt. Und wenn im deutschen Parlament der Abgeordnete Gauland von der AfD sitzt und den Zweiten Weltkrieg und den Naziterror als „Vogelschiss der Geschichte“ beschreibt, dann, so der Nachfahre, „müssen wir zusammenrücken, wachsam und wehrhaft bleiben“. Die 55 Briefe sind allesamt im Dreiländermuseum aufbewahrt.

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