Lörrach Stolpersteine bauen Brücken

Bernhard Konrad

Lörrach - Die Verlegung von Stolpersteinen bildet ein zentrales Element der städtischen Erinnerungskultur. Nach dem Auftakt im September 2020 erinnern seit Mittwoch sieben weitere Steine an Lörracher Opfer des Nationalsozialismus. In einer Aktion mit dem Künstler Gunter Demnig wurden sie an deren ehemaligen Wohnorten eingelassen.Erste Station war das Anwesen in der Kreuzstraße 18.

Kreuzstraße 18

Hier wohnte Berta Heinzelmann, geborene Pahl. Sie wurde zum Opfer der Euthanasieaktion ’T 4’ der Nationalsozialisten, weil sie an Depressionen litt.

Über ihre Erkrankung ist nur wenig bekannt. Dokumentiert sind Aufenthalte in verschiedenen Einrichtungen und Heilanstalten. Direkt nach ihrer „Verlegung“ nach Grafeneck wurde Berta Heinzelmann mit Kohlenmonoxidgas ermordet, berichtet die Stadt.

Ihre Nichte Irene Heinzelmann erinnerte vor zahlreichen Gästen tief bewegt an ihre Tante – aber auch daran, dass sie als deren Nichte durch die Lörracher Stolperstein-Aktion neuen Kontakt zu Verwandten aufnehmen konnte.

Berta Heinzelmanns Urenkelin Alexandra Heinzelmann-Emden reiste eigens aus Amsterdam an, um die Verlegung musikalisch zu begleiten.

Turmstraße 18/20

In der Turmstraße 18/20 wurden im Anschluss zwei Stolpersteine direkt auf der Gebäudegrenze für das jüdische Paar Arthur und Frieda Juliusberger verlegt. Ihr langjähriger Wohnsitz war in Nummer 20, zum Zeitpunkt der Verfolgung und ihrer Deportation nach Gurs 1940 lebten sie in Hausnummer 18. „Während Frieda Juliusberger aus Gurs befreit werden und in die Schweiz reisen konnte, kam ihr Mann nach Auschwitz, wo er 1942 für tot erklärt wurde“, erläutert die Stadt in einer Medieninformation.

Aus der Ehe gingen zwei Töchter hervor: Elsa und Erna. Elsa wandert mit ihrem Ehemann Max Kasar ins damalige Palästina aus. Ido Bendori, Ururenkel des Ehepaars, reiste zur Verlegung mit seinem Vater aus Tel Aviv nach Lörrach, um hier – auch im Namen seiner Großmutter – die Bedeutung der Verlegung zu würdigen.

„Wer seine Vergangenheit nicht kennt, hat auch keine Zukunft vor sich“, sagte Rabbiner Moshe Flomenmann aus Anlass der Stolpersteinverlegung. Er betonte die Relevanz des Gedenkens, freute sich aber auch über das aktive jüdische Leben in der Lörracher Gemeinde und in Deutschland. Und er betonte, wie wichtig es sei, das jüdische Leben über das Gedenken hinaus zu unterstützen. Flomenmann dankte den Gästen der Veranstaltung, insbesondere Oberbürgermeister Jörg Lutz.

Haagener Straße 6

Abschließend wurden vier Stolpersteine in der Haagener Straße 6, ehemals Wilhelmstraße, eingelassen. Hier lebte die jüdische Familie Moses. Doktor Samuel Nathaniel Moses war Arzt sowie Gründer und Leiter eines Kinder- und Säuglingsheims in Lörrach. Eine Mitteilung der Stadt informiert: „Mit der Machtergreifung der Nationalsozialisten begannen die Repressalien gegen ihn und seine Familie. Bereits 1933 verlor er auf Grund seiner jüdischen Religionszugehörigkeit das Amt des Kinderheimarztes im Blauenblick. Seine Patienten bekamen keine Behandlungsgutscheine mehr. Im Jahre 1938 emigrierte Samuel Nathaniel Moses mit seiner Frau Mina Marie und seinen beiden Söhnen Alfred und Bernard nach New York.“

Bernard hatte vier Söhne. Einer davon ist Paul Moses, der mit seiner Frau Maureen aus New York zur Verlegung anreiste. Nach den Ausführungen des Historikers Michael Kuhn-Sonnenfroh zu Samuel Nathaniel Moses und dessen Familie ergriff Paul Moses das Wort und erinnerte an die bewegte Geschichte der Familie. Für seinen Großvater, da war er sich sicher, wäre dies ein sehr berührender Moment gewesen.

Der Tag der Stolpersteinverlegung in Lörrach sei, so Paul Moses, nicht zuletzt „ein Tag, der Brücken baut.“   Die detaillierten Biografien sind auf der städtischen Homepage unter www.loerrach.de/stolpersteine einzusehen.

Weitere Fotos in unserer Fotogalerie.

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