Lörrach Suche nach der idealen Lebensform

Gabriele Hauger
Dorothea Gebauer hat ihr Leben grundlegend geändert. Foto: Kevin Reuter

Von Gabriele Hauger

Lörrach. Als Einzelkämpfer im eigenen Büro vor sich hinwurschteln? Alltagstrott mit „Nine to five“-Job“? Schuften, um dann in Rente zu gehen, weil erst dann das eigentliche Leben beginnt? Für viele sind solche Zukunftsaussichten nicht wirklich attraktiv. „Sein Leben und Arbeiten mit anderen zu teilen, ist eine grundlegende Sehnsucht aller Menschen, dort erschließt sich Sinn,“ ist Dorothea Gebauer überzeugt. Das habe sich gerade auch in Corona-Zeiten herauskristallisiert.

Sie ist Pädagogin, Teilzeitselbstständige und in den Bereichen Kommunikation, Fundraising und Community-Building unterwegs. Nach Beratungen in vielen Organisationen hat sie beobachtet, dass die Kultur dort anders werden muss, dass klassischen Hierarchien der Arbeitswelt nicht mehr ausreichen, um den Herausforderungen der Zukunft zu begegnen. Sie hat sich dafür entschieden, dazu beizutragen, dass da was anders werden muss. Mehr Miteinander, mehr Selbstverantwortung, mehr Mut zur Innovation, der im „CO“ entsteht.

Unter dem Titel „Coworking: aufbrechen, anpacken, anders leben. Herausforderung und Chance für Gemeinden und Organisationen“ hat sie deshalb gemeinsam mit Jürgen J. Kehrer ein Buch herausgebracht.

Räume, Wissen, und Haltungen teilen

Coworking – was ist das eigentlich? Jedenfalls bedeutet es mehr, als „nur“ zusammen zu arbeiten. „Es ging uns in dem Buch darum, was eigentlich passiert, wenn Menschen bereit sind, ihre Arbeitsfelder zusammenzulegen, sich aufeinander einzulassen, Räume, Wissen und Haltung zu teilen.“ Eine Philosophie, die zunehmend Verbreitung findet, bisher meist eher in urbanen Räumen. Ein Trend, der aber auch in Nischen vordringt, aufs Land, in Kirche, zu jungen Müttern,“ so Dorothea Gebauer.

Gemeinsam mit Jürgen J. Kehrer machte sie sich auf Suche nach Coworkingspaces, viele davon – aber nicht alle – im kirchlichen Bereich angesiedelt. Und lernte faszinierende, facettenreiche Modelle kennen. „Ich spürte, da sprudelt was, da ist Kreativität, Innovation. Ich war begeistert und wollte mehr wissen.“

Auf über 200 Seiten, historischen Abrissen, soziologischen Analysen und Abbildungen sowie konkreten Service-Tipps widmet sich das Buch primär in acht Beispielen sehr unterschiedlichen Coworking-Modellen. Da gibt es Akteure, die bewusst in eine Wohnung in einem sozialen Brennpunkt ziehen, um dort zu leben und Büros zu eröffnen, in denen Asylsuchende Arbeitsplätze und Hilfe erhalten, um Bewerbungen zu schreiben. Oder Beispiele aus Bern und Luzern, wo innovative Räume angeboten werden, in denen Existenzgründer Zuspruch, Motivation, Tipps erfahren und auf eine Gemeinschaft kreativ Selbstständiger stoßen. „Das Buch ist nicht explizit kirchlich ausgerichtet, auch wenn wir als Herausgeber persönlich kirchlich aktiv sind. Vielmehr geht es darum, was Gemeinden und Organisationen ändern können – natürlich auch Kirche, die oft allzu sehr in starren Denkmustern verharrt und wo Wandel dringend nötig wäre.“ „Kirche kann von Wirtschaft lernen. Und umgekehrt,“ sagt Gebauer.

Das Buch richtet sich an alle, die am Gemeinwohl interessiert und die wertebewusst für die Zivilgesellschaft unterwegs sind. „Es ist für alle, die Arbeit neu denken. „Der wirtschaftliche Aspekt spielt natürlich eine Rolle, wird aber Gemeinwohlinteressen untergeordnet,“ sagt die Sozialunternehmerin.

Thema und Buch stoßen laut Gebauer vielfach auf Interesse und bedienen ein gesellschaftliches Bedürfnis. Sie werden aktuell in den jeweiligen Spaces von Co-Autoren beworben. Interesse hat auch die Lörracher Pfarrerin Gudrun Mauvais bekundet und wird mit Dekanin Bärbel Schäfer Coworking in einem Pfarrkonvent zum Thema machen.

Dorothea Gebauer selbst hat ihr Leben grundlegend verändert. Sie ist vor einem Vierteljahr von Lörrach nach Holzen/Kandern gezogen, lebt dort in einer nicht zu engen, aber für alle sehr bereichernden Gemeinschaft in einem umgebauten Bauernhaus. Mit einer Familie, einer WG-Küche als Treffpunkt für alle, einer kleinen „Coworkation“ –­Coworking mit vacation – mit fünf Arbeitsplätzen sowie Gästezimmer und B&B Wohnung. „Unser Konzept entwickelt sich noch!“ lacht sie und macht Mut zur Exploration neuer Lebensformen. Zur eigenen Weiterentwicklung gönnt sie sich einen Tag Arbeit in der Woche im Coworkingspace Startblock Lörrach. „Ein ganz wunderbar inspirierender Ort, um das eigene Business weiterzuentwickeln. “

Jeder muss sich selbst ausprobieren

Für sie ist das Haus in Holzen eine ideale Lebensform, in der Leben und Arbeiten als auch Gastfreundschaft harmonisch nebeneinander existieren können. „Es gibt aber keinen Königsweg, weder für das Coworking noch Coliving. Jeder muss sich selbst ausprobieren, neue Verknüpfungen wagen.“ Wichtig sei, eine Haltung des Aufbruchs und der Neugier zu bewahren, um die Zukunft mit anderen mutig zu gestalten.

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