Lörrach Tanz, der aufwühlt

Stets in Bezug zueinander: die sechs Tänzerinnen in „Killer Pig“. Foto: zVg

Lörrach - Ein ausverkauftes Haus, tosender, minutenlanger Applaus: Ein Tanzabend der Extraklasse führte am Samstagabend die Gauthier Dance Company in den Burghof Lörrach mit „Mega Israel“. Mit den Choreographien dreier israelischer Choreographen wird der Fokus auf ein innovatives, explosives Bewegungsrepertoire gerichtet, das seinesgleichen sucht. Nach dem Auftritt in Lörrach gastiert die Company Anfang April mit dem gleichen Programm in Chicago und in Berlin.

Die Reihenfolge der etwa gleich langen Stücke gewinnt seine Spannung durch eine ausgeprägte Polarität: Sieben Männern in Hofesh Shechters „Uprising“ stehen sechs Frauen in „Killer Pig“ aus der Hand des angesagten Choreographen-Duos Gai Behar und Sharon Eyal gegenüber. Brutalität und Dumpfheit, aber auch Versöhnung und Freundschaft werden in dem rhythmengetrieben Männerstück sichtbar. Gekleidet fast unauffällig, in Alltagskleidung, transportieren die Männer mit athletischen Sprüngen, vor innerer Spannung vibrierend, einsam und isoliert über die Bühne zu tigern, sich ruhelos zu einer Horde zusammenrottend eine ungeheure, nicht zu bremsende Vitalität. Doch es gibt auch Momente der Ruhe in „Uprising“, etwa wenn die Männer wie im Regen stehend, die Köpfe gesenkt, mutlos dastehen, sich treiben und zu Boden fallen lassen, um wieder mit neuem Elan sich in die Höhe zu strecken.

Ganz anders in dem 30 Minuten dauernden Stück von Eyal-Behar, „Killer Pigs“ in dem die Spannung auf eine fast schon unheimlich erscheinende Weise während der gesamten Zeit aufrechterhalten wird. Die sechs Frauen in enganliegenden, hautfarbenen Anzügen agieren in ihrer androgynen Bewegungssprache stets in Bezug aufeinander, gleich einer im Inneren verbundenen, todbringenden Armee. Kraftvoll, agil und rhythmusgesteuert, marschieren die Tänzerinnen barfuß auf Zehenspitzen, was ebenso wie die eingekrümmten Handgelenke und gespreizte Finger den Eindruck verstärkt, es handele sich um Wesen zwischen Mensch und Tier.

Immer wieder vereinigen sie sich zu archaischen Posen, tanzend im Kreis oder als schreitende Amazonen, miteinander verbunden durch die über den Köpfen verschränkten Hände, ähnlich den Bildern von Tanzenden auf antiken Vasen. Das Publikum reagiert darauf ausnahmslos begeistert.

Versöhnlich und voller guter Laune kommt das letzte Stück an diesem vielgestaltigen Tanzabend daher. „Minus 16“ von Ohad Naharin ist eine Choreographie, die 1999 uraufgeführt wurde und heute Kultstatus genießt. Vom leichtfüßigen Cha-cha-cha über die dröhnende Hardcore-Instrumental-Version des Liedes Hava nagila („Lasst uns glücklich sein“) bis hin zu Vivaldi reicht das musikalische Tableau, das die komplette Company mit 18 Tänzerinnen und Tänzern in bewegte Bilder umsetzt, die die Zuschauer in Szenen dess prallen Lebens, seien es schmerzerfüllt trauernde Männer im Stuhlkreis, die sich die Kleider vom Leib reißen oder ein betörend sinnliches Pas de Deux entlang des vorderen Bühnenrandes. Hängen bleibt am Ende aber das Bild der ausgelassen Feiernden, zu dem die Tänzer Frauen und Männer aus dem Publikum auf die Bühne geholt haben und sie in ihre Choreographie einbinden, als gehörten sie ganz selbstverständlich dazu. Der Applaus will nicht enden nach diesem so bilderreichen Abend, mit einem unverkennbaren Augenzwinkern setzen die Mitglieder der Gauthier Dance Company noch eins drauf mit ihrer Neuinterpretation der klassischen Verbeugung im Ballett – großartig, ohne Einschränkung.

ZEITUNG lesen, MEINUNG bilden, WÄHLEN gehen! Jetzt 4 Wochen für einmalig ab 4 Euro lesen.

Umfrage

Corona-Test

Diese Woche soll eine neue Corona-Verordnung verabschiedet werden, die ab einem Grenzwert eine 2G-Regel (geimpft/genesen) vorsieht? Was halten Sie davon?

Ergebnis anzeigen
loading