Lörrach - Es ist nicht neu in der Klaviermusikszene, dass Pianisten Musik unterschiedlicher Art, Stile und Epochen verknüpfen. Man denke etwa an Olli Mustonens Kombination von Bachs Präludien und Fugen mit denen von Schostakowitsch. Auch Herbert Schuch geht am Mittwoch im ersten Teil seines Burghofprogramms diesen dramaturgisch durchdachten Weg.

Statt Bach und Schostakowitsch nimmt er allerdings Beethoven und Ligeti zusammen, und es gelingt ihm auf inspirierende Art, Beethovens späte Reihe der Bagatellen op. 119 mit den elf knappen Sätzen von György Ligetis „Musica Ricercata“ aus den 50er Jahren nicht nur zu kombinieren, sondern auf eigene Art zu interpretieren.

Das war unheimlich faszinierend und fesselnd, diese spannenden Tastengeschichten zwischen Poesie und typisch Beethovenschem Witz in den Bagatellen zu erleben, alternierend verquickt mit dem knappen Musikstil des ungarischen Komponisten, und so einmal den verschlungenen Pfaden beider Komponisten zu folgen.

In der Musik nach einer Botschaft suchen

Man fühlte sich als Zuhörer unweigerlich hineingezogen in diesen Sog der musikalischen Abläufe in Beethovens gar nicht unkomplizierten „Kleinigkeiten“, die im direkten Vergleich mit Ligeti sehr verdichtet klangen. Vor allem Schuchs Ligeti-Spiel war wahrhaft aufregend, auch ablesbar an seiner Gestik. Er spielt recht maskulin, kraftvoll, entschieden bei seinem Versuch, in der Musik nach einem neuen und tieferen Sinn, einer „Botschaft“, zu suchen.

Pianistisch ist Schuch sehr „stabil“, was den Rhythmus betrifft, etwa in einem der technisch vertracktesten und manuell garstigsten Stücke der Ligeti-Sammlung, wo die Linke ständig dasselbe Muster repetiert, während die Rechte eine schlichte Melodie spielt. Diese komplizierte Gleichmäßigkeit der linken Hand gelingt Schuch famos. Und man hört in seiner Darstellung, dass Ligeti in diesen Stücken hauptsächlich von Béla Bartók, aber auch von Alban Berg und Strawinsky beeinflusst ist.

Neue Klangwelten eröffnet

Beide Zyklen geraten Schuch als Ganzes, wie aus einem Guss und in einem großen Zusammenhang, werden – obwohl auseinandergerissen – überschaubar. Indem Schuch diese große Herausforderung der dramatischen Kontraste und Wechsel genial meistert, eröffnet er neue Klangwelten.

Das war hörenswert. Für manchen im Publikum war womöglich der zweite Teil, ein reiner Beethoven-Block mit der frühen Sonate A-Dur op. 2 und als Höhepunkt der rhythmisch differenziert gestalteten und energisch durchgeformten Waldstein-Sonate, ein noch größeres Ereignis.

Konsequent anregend wäre vielleicht gewesen, die Waldstein-Sonate mit einer modernen Sonate von Berg, Boulez oder einem der Klavierstücke von Stockhausen zu kontrastieren. Aber Schuch hat sich in dem Fall für einen geschlossenen Beethoven-Teil entschieden. Den beiden Sonaten konnte man sich nach der Pause mit offeneren Ohren neu nähern. Zumal dem denkenden Spieler Schuch mit seiner hellen, klaren, unpathetischen, trocken-sachlichen Tongebung eine „objektive“ Darstellung gelang, mit aller nur denkbaren rhythmischen Finesse und plastisch herausgearbeiteten Details.

Also ein Klavierrecital der durchdachten Analyse, pianistisch auf allerhöchstem Niveau, bis hin zu den beiden Zugaben, der virtuosen „La Campanella“-Konzertetüde von Liszt und dem kontemplativ und mit schönem lyrischem Legato vorgetragenen Choralvorspiel „Ich ruf zu dir“ von Bach/Busoni – für viele Zuhörer im Saal die Offenbarung des Abends.