Lörrach Tief zerrissene Gefühlswelt

Die Oberbadische, 28.03.2017 05:53 Uhr

Von Dorothee Philipp

Lörrach. Dramatik pur und extreme Emotionalität prägen Anton Dvoráks „Stabat Mater“, das der Motettenchor Lörrach am Sonntag im Burghof auf die Bühne brachte. Stephan Böllhoff präsentierte mit dem Chor wieder einen eindrucksvollen, geschmeidig reagierenden Klangkörper und setzte mit seiner Interpretation ganz auf die tief zerrissene Gefühlswelt, die das mittelalterliche Gedicht mit seinem Blick auf die trauernde Gottesmutter und ihre Schmerzen um den gekreuzigten Sohn aufblättert.

Dvorák kompensiert mit seiner Musik auch den eigenen Schmerz nach dem Verlust seiner kleinen Kinder. Ein großer Stoff, dessen tiefe Frömmigkeit über 60 Komponisten vom 15. Jahrhundert bis heute inspiriert hat. Gerade der Stil der musikalischen Hoch- und Spätromantik ist für das Thema prädestiniert, solch ein von Gott und der Welt verlassenes Moll wie Dvorák es in seinem Werk anschlägt, hört man selten.

Schon die Eingangssequenz der ersten Strophe entrollt ein mächtiges Tableau der Gefühle: Aus einem im Orchester hin- und hergereichten einzelnen Ton entwickeln sich schneidende Dissonanzen, die sich in erdschwer niedersinkende Skalen lösen.

Die duktile Dynamik zwischen hauchzarten Pianissimi und wild aufbäumenden Tuttistellen meisterte der vorzüglich reagierende Chor bravourös. Die differenzierte, polyphone Behandlung der einzelnen Stimmregister zeigte auch, dass der Chor sehr ausgewogen aufgestellt ist.

Böllhoff setzte auf makellose Transparenz trotz der romantischen Klangfülle, wie besonders eindrucksvoll das „Virgo virginum“ der siebten Strophe zeigte. Das „Eia mater“ der dritten Strophe gelang als düsterer Trauermarsch, in dem helle Funken der Hoffnung in Dur aufblitzten. Besonders die A-cappella-Passage im Finale, die in ein koloraturenreiches „Amen“ und einen effektvollen Aufschwung ins Dur mündet, bewies, dass der Chor auch intonatorisch in Bestform ist.

An dieser Stelle, ohne Orchester und Solisten, konnte man auch das imposante Klangvolumen des Motettenchors wahrnehmen, das sonst durch die seitlich und oben hängenden Stoffbahnen des Bühnenvorhangs im Vergleich zum weiter vorne platzierten Orchester eher gedämpft herüberkam.

Eine gute Auswahl hat Böllhoff mit den vier Vokalsolisten getroffen. Vor allem der Tenor Reginaldo Pinheiro zeigte mit seinen kraftvollen, aber mühelosen Höhen und einem geradezu goldenen Timbre Opernformat. Siri Thornhills Sopran verbreitete reine Poesie, zart und doch tragfähig, ebenso mühelos höchste Sphären erklimmend. Die achte Strophe „Fac ut portem Christi mortem“ als Duett der beiden war ein klangschöner Höhepunkt des Konzerts. Bassist Manfred Blassmann beeindruckte durch eine mächtige Reichweite in die Tiefe, sein „moriendo desolatum“ hatte spirituelle Qualitäten. Ursula Eittinger hatte mit ihrem Solo zu „Inflammatus et accensus“ in der neunten Strophe ihren großen Auftritt zu einem energischen Orchester-Staccato. Auch sie mit einem enormen Stimmumfang, der schöne Mezzo-Qualitäten zeigte.

Das Orchester des Motettenchors konnte sich symphonisch reich entfalten, hat Dvorák ihm doch ein breites Aktionsfeld eingeräumt mit langen Intros und im Zusammenspiel mit den Vokalisten kongenialer Gestaltungsfreiheit, die mehr als reine Begleitungsfunktion beinhaltet.

Das Publikum brauchte nach dem Schlussakkord eine Weile, um wieder in die Gegenwart zurückzufinden, dann brandete der Beifall auf, lange und begeistert.