Lörrach Vom Kleinkriminellen zum Tyrannen

 Foto: Beatrice Ehrlich

Lörrach-Haagen - Brechts Stück über den Aufstieg Adolf Hitlers, „Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui“, wird von Simon Rösch bei den Röttler Burgfestspielen als eine schrittweise Entlarvung inszeniert.

Am Anfang steht ein ehrgeiziger und sehr reizbarer Gangster, dessen Bande zu seinem Verdruss Gefahr läuft, in der Bedeutungslosigkeit zu versinken. Dass will Ui nicht auf sich sitzen lassen. Schritt für Schritt spannt er durch perfide Manipulation ein undurchdringliches Netz, mit dem er die anderen Akteure – mit Ausnahme seiner Spießgenossen, auf die er angewiesen ist – zu Fall bringt. Erst am Ende wird hinter dem Gangster, dem kein Leben heilig ist, der grausame Diktator sichtbar: Hitler – unverkennbar, von Klaus Koska auf gespenstische Weise brillant zum Leben erweckt.

Die Metamorphose des Kleinkriminellen zum Tyrannen deutet sich auch in seiner Erscheinung an: Der zu Beginn das ganze Gesicht einrahmende Bart wird nach und nach immer mehr zusammengestutzt, bis man am Ende sieht, wer sich wahrhaft hinter der Figur des Gangsters Ui verbirgt.

Es ist ein Balanceakt, Brechts warnende Parabel auf den Aufstieg Hitlers, angesiedelt im Chicagoer Gangstermilieu, auf die Freilichtbühne zu bringen: Der Theater-Besucher erwartet sich Vieles, aber gewiss nicht an erster Stelle Belehrung. Brecht bezweckte mit seinen Stücken aber genau das. Er wollte damit die Menschen zum Nachdenken bringen und sie dazu anregen, ihr Verhalten zu ändern. Auch bei diesem Stück ist das deutlich spürbar.

„Der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem das kroch.“

Ein Geschichtsbuch täte not, der Theaterzettel hilft nur bedingt weiter. Die ersten Szenen, in denen die Verwicklung des Großkapitals in den Aufstieg der Nationalsozialisten unter Beweis gestellt werden soll, geraten zum Teil schwer verständlich. Zu verworren erscheinen die Verbindungen des Karfioltrusts mit dem Politiker Dogsborough und dessen Verwicklung in den ominösen „Dockshilfeskandal“. Und warum überhaupt wird dem Karfiol (österreichisch für Blumenkohl) so viel Bedeutung beigemessen?

Mitreißend und fesselnd ist hingegen die Einführung der Figuren, von ihren jeweiligen Darstellern prägnant in Szene gesetzt: Ui und seine Spießgesellen Giri (Oliver Kugel) und Givola (Oliver Rösch), unschwer zu erkennen als Hitlers Getreue Göring und Goebbels, Dogsborough – Hindenburg – (Ekkehard Bierl), der alte Mann, dem nach und nach die Kon-trolle über sein Amt entgleitet und sein opportunistischer Sohn (Manuel Nestler).

Besonders aber im zweiten Teil spitzt sich die Handlung dann aber auf packende Weise zu. Lebendig bleiben einem die präzise aufgebauten Szenenverläufe in Erinnerung. Ui, wie er mit einem Schaupspieler (Dietmar Fulde) den großen Auftritt probt – hier gibt es was zu lachen! –, das schon bestochene Hohe Gericht in blutroten Roben, der Auftritt des angeklagten (Reichstags-)Brandstifters (Maik Hinkelmann/Patrik Schmidlin), der so benommen ist, dass er dem Prozess kaum folgen geschweige denn eine Aussage machen kann. Sich drehende, bunte Blumen im Riesenformat verblenden zwar nicht dem standhaften Dullfeet – Engelbert Dollfuß (noch einmal Dietmar Fulde) – die Augen, aber seiner Frau (Consuelo Perez), die sich der Sache der neuen Machthaber bald ganz und gar verschrieben hat. Wie bei Gangstern, so gilt auch hier: Wer nicht mitmacht, hat sein Leben verspielt. Vollkommen schwarze Leinwände stehen am Ende für das Böse, das sich überall breit gemacht hat. Und am Ende folgt Brechts Mahnung, auch an die heutigen Zuschauer: „…Der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem das kroch.“

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