Lörrach - Hans-Jürg Zingg gastierte auf Einladung des Hebelbunds am Sonntagnachmittag in der Reihe „Literatur grenzenlos“ im Dreiländermuseum.

Um wie viel ärmer wäre diese Lesung verlaufen, wäre nicht Berndeutsch gesprochen worden? Nehmen wir etwa „ä chläpf“, ein Wort, bei dem es so recht knallt und das für eine deftige Ohrfeige oder einem Klaps steht. Kraftvoller Überbringer und Übersetzer der „Bäärner Umgangssprache“ ist Hans-Jürg Zingg, der aus seinem Roman liest und Wörtersack-Texte präsentiert.

Am Anfang war das Wort. Das Gesprochene! Für sensible hochdeutsche Ohren mochte das an diesem Abend Rezitierte mitunter derb rüberkommen. Aber alleine das als Attribut zu verwenden, wäre viel zu wenig! Das hat Kraft. Da schnalzt beim Sprecher die Zunge, da rasselt es im Mundraum, da kracht der Klang. Da bilden Konsonanten Grenzen, die kräftig angerempelt werden, und die Vokale verschaffen sich dazwischen gemächlich und genüsslich Raum.

"Wenn du dich auf mich einlässt, wirst du was erleben!"

Mit Wucht und Gestaltungsfreude geht Zingg, der sich als Vertreter der Spoken Word-Bewegung sieht, in seine Texte. Diese Art zu sprechen sagt: „Kläre, ob du mich aushalten und verstehen magst. Ich bin eigen und stark. Ich bin Verwalter einer uralten und gewachsenen Identität. Wenn du dich auf mich einlässt, wirst du was erleben!“

Doch was verbindet Hans-Jürg Zingg mit Johann Peter Hebel? Mit den Worten von Volker Habermaier, Vorsitzender des Hebelbunds, war Hebel ein Aufklärer, hat in den Menschen etwas gesehen, was ihnen die Möglichkeit gab, sich zu entwickeln. Auch Zingg ermöglicht seinen Protagonisten, über Bildung sich selbst zu werden: Gelbes Schulhaus, Konfirmation, Tanzsaal und erste Liebe werden in dem kleinen, gediegenen, „gäbigen“ Ort zu Katalysatoren in einer Art Bildungsroman, in der die Welt immer weiter und größer wird. Kurt Weill, Bert Brecht, die Kunst der Satire oder Johann Sebastian Bach werden zu Begleitern und Helfern.

Der Blick auf die kleine und große Welt ist bei Zingg ein liebevoller, aber auch voll leisem und scharfem Spott. Er verrät seine Leute aber nicht, gibt ihnen Namen, Charakter und stellt sie mitten in die Wirklichkeit. Der „Schwander Jules“ oder „das Änni,“ oder der „Bäremanni“ kommen einen dabei ganz nah. Köstlich, wenn er detailliert beschreibt, was es mit den Menschen macht, wenn sie betrunken sind: „Jeder auf seine Art besoffen.“ Im Roman entsteht ein Bild einer Dorfgemeinschaft mitten in Europa. Behaglich, doch der Welt zugewandt und so geartet, dass ein Mann darin wachsen kann.

Die Lesungen des Hebelbunds werden im nächsten Jahr weitergehen. Christoph Meckel und Arnold Stadler haben bereits zugesagt.