Von Markus Greiß

„Hänsel und Gretel ist eine Geschichte über zwei Kinder im Wald, weit weg von zu Hause. Das ist genauso wie unsere Geschichte. Wir sind jetzt in einem anderen Land, einer anderen Heimat“.

Lörrach. In erstaunlich gutem Deutsch zieht Mohammad Waris Niazy eine Parallele zwischen dem Grimm-Märchen und seiner persönlichen Fluchtgeschichte. Er ist einer von acht jugendlichen Schauspielern der Theatergruppe „Hotel HullyGully“, die das Märchen in wenigen Tagen auf die Bühne bringt.

Theaterstück mit Jugendlichen aus Syrien und Afghanistan

Gerade hat das Ensemble des Theaters Tempus Fugit – ausnahmslos syrische und afghanische Männer im Alter zwischen 17 und 26 Jahren – konzentriert eine Szene geprobt: Hänsel und Gretel laufen verängstigt durch den furchteinflößenden Wald – symbolisiert durch einen fauchenden Baum, den Ali Zaheda, Ibrahim Kasabji und Taco Liermann spielen.

Die Jugendlichen legen viel Ausdruck in ihr Spiel. Und auch die Texte, die zu 90 Prozent deutsch und zu zehn Prozent englisch sind, sitzen größtenteils. Nur bei einer in das Stück integrierten schwierigen Passage aus Dantes „Die göttliche Kommödie“ stolpert „Gretel“ noch etwas.

„Die Jugendlichen fordern Text ein“, so Regisseurin Marianne Cebulla im Pressegespräch. Sie sieht bei ihnen aufgrund ihrer Fluchtgeschichte einen „anderen Fokus und eine andere Dringlichkeit“ als bei deutschen Jugendlichen. Dieser Eindruck bestätigt sich auch im Gespräch mit ihnen. Das Theater, so die jungen Männer, bietet ihnen neben Spaß und Teamgeist die Chance, schneller Deutsch zu lernen und auch deutsche Freunde zu finden.

Es gibt ihnen so viel, dass sie lange Anfahrtswege aus dem Lörracher Umland, aus Bad Säckingen und aus Rheinfelden nicht scheuen, erklärt Cebulla. Dort wohnen sie in staatlicher Obhut oder in Pflegefamilien, und alle besuchen Deutschkurse. Unter den Schauspielern ist sogar ein Theaterprofi: Ali Alkhous, der den Hänsel spielt, besuchte in Damaskus zwei Jahre die Schauspielschule. Dann musste er fliehen. Und „Gretel“ Mohamad Alshalah stand schon bei Laientheatern in Syrien und Griechenland auf der Bühne. Jetzt fiebern alle acht auf ihre Premiere hin.

 Aufführungen: Freitag, 15.7., und Samstag, 16.7., jeweils um 20 Uhr im neuen Theaterhaus, Adlergässchen 13. Die Schulvorstellung am Montag, 18.7., ist bereits ausgebucht.