Lörrach Was Marx und May verbindet

Ilja Richters „Hommage an einen Verkannten“ ist brillant, lustig und komisch. Foto: Dorothee Philipp Foto: Die Oberbadische

Lörrach. Sollen wir das wirklich? Winnetou vergessen? Aber nicht doch! Nach Ilja Richters rasantem Parforceritt durch die Biografie des Winnetou-Schöpfers Karl May steht fest: Das geht gar nicht. Der edle Häuptling der Apachen hat einen festen Platz in der Geschichte. Aber man sollte auch mal einen Blick auf seinen „Erfinder“ werfen. Und das tut Richter mit allen ihm zu Gebote stehenden künstlerischen Mitteln, die, wie man nach anderthalb vergnüglichen Stunden bestätigen kann, zahlreich und vielfältig sind.

Im Film und auf der Bühne hat er sein schauspielerisches Können bewiesen. Hat als Synchronsprecher und Radiosprecher, als Kolumnist und Autor seine Meisterschaft im Umgang mit der Sprache, sein Talent als Chansonnier gezeigt.

Ein bisschen kabarettistisch-kollegiales Gottschalk-Bashing zum Einstieg, und dann nimmt er auch schon die Spur des deutschen Schriftstellers auf, dessen Werke am häufigsten in andere Sprachen übersetzt wurden. Richter macht das mit lässiger Geste, die jede Menge assoziative Fußnoten beinhaltet, über die er in die entlegensten Winkel der abendländischen Kultur- und Geistesgeschichte vordringt. Einmal kommt sogar für ein paar Sekunden Charlie Chaplin um die Ecke.

Köstliche Geistesblitze sprühen aus Richters Vergleichen von Karl May und Reinhard Mey, und auch Marx und May haben mehr gemeinsam als die Initialen. Marxens „Das Kapital“ heißt so, weil der Titel „Unter Geiern“ mit Copyright schon vergeben war. Karl May und sein Hang zur Kleinkriminalität, Karl May und die Frauen, Karl May und seine Figuren, Karl May und seine Rezipienten – Richters „Hommage an einen Verkannten“ ist brillant, lustig, komisch und transportiert da und dort auch beinharte Kritik, etwa als es um die Karl-May-Schelte von Klaus Mann geht, der Karl May Hitlers literarischen Mentor nennt.

Ein Glanzlicht ist die Imagination eines Zwiegesprächs der „jüdischen Indianer“ Moishe Winnetou und Dakota Rotman. Oder die Vorstellung eines himmlischen Meetingpoints, an dem auch Hitler mit von der Partie ist. Fazit: „Wer kein Schwein isst, kann trotzdem ein Schwein sein“. Die schillernde Welt des Varieté-Theaters leuchtet auf in dem „Duett“ „Schnucki, ach Schnucki, fahr‘n wir nach Kentucky“. Und Richter taucht auf seiner Spurensuche tief hinab in die Philosophie, wo er seine Verehrung durch Ernst Bloch bestätigt findet, der May gleich neben Hegel platziert. Und die, die sich über Mays Landschaftsbeschreibungen mokieren, wo er doch selber gar nicht da war, verweist er mit einem Zitat von Walter Benjamin in die Schranken: Eine Geschichte muss nicht wahr sein, sie muss aber stimmen.

Nachdem das Publikum zweimal mit einem kurzen Anspiel der Winnetou-Melodie gefoppt worden war, darf es gegen später die herrliche Filmmusik von Martin Böttcher in vollen Zügen genießen. Unnachahmlich! Richter spielt stilistisch auf allen Registern, da gibt es keine Längen, das funkelt und gleißt und macht Lust, mal wieder den einen oder anderen Band aus dem Bücherregal zu ziehen.

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