Lörrach Weit gespannte Bögen

Veronika Zettler
Katariina Kivi (links) und Ann-Lisett Rebane alias Duo Ruut an der estnischen Zither. Foto: Veronika Zettler

Von Veronika Zettler

Lörrach. Es geht wieder los: Mit „Stimmen on Tour“ startete am Donnerstag im Brombacher Werkraum Schöpflin der Prolog zum Stimmen-Festival. Zwei Formationen spielen an verschiedenen Auftrittsorten und stimmen Musikfans bei freiem Eintritt auf das am 6. Juli beginnende Festival ein.

„It’s one of those days“, schmunzelte Bongeziwe Mabandla – einer dieser Tage eben. Der Singer-Songwriter aus Johannesburg und sein Duopartner und Produzent Tiago Correira-Paulo aus Maputo waren erst ein paar Stunden zuvor gelandet. Allein: Ihr Equipment ging auf dem Flug verschollen. Dass die beiden Musiker an einem vom Stimmen-Team schnell organisierten Instrumentarium spielen mussten, war dem Sound indes nicht anzuhören. Akustik- und E-Gitarre nebst elektronischer Effektkiste, vor allem aber die raumflutende Stimme von Bongeziwe Mabandla zogen das Publikum im Nu in den Bann.

Eigentlich hätte das Konzert im Garten des Werkraums stattfinden sollen, wegen der vorangegangenen Unwetterwarnung wurde das Ganze aber nach drinnen verlegt. Das Gewitter setzte pünktlich zum Konzertbeginn ein; Donnergrollen und Regengeprassel begleiteten eindrucksvoll den ersten Song „Mini Esadibana Ngayo“ im nicht ganz voll besetzten Werkraum.

Der bereits mehrfach mit Preisen ausgezeichnete Bongeziwe Mabandla, der in seiner Heimatsprache Xhosa und auf Englisch singt, hatte einige Perlen aus seinen mittlerweile drei Alben im Gepäck. Das jüngste mit dem Titel „Iimini“ (Tage) erschien im März 2020; trotz Pandemie startete das meditative und sehr hörenswerte Opus rund um Liebe, Zeit und Vergänglichkeit durch. Mit „Khangela“ folgte gleich ein erster Konzerthöhepunkt. Bongeziwe Mabandla spannte mit seiner Stimme weite Bögen in höchste, teils hauchzarte Tonlagen. Begeisterter Applaus.

Zwei Frauen an einer Zither? Der minimalistische Eindruck löste sich bei den ersten Klängen auf. Ann-Lisett Rebane und Katariina Kivi alias „Duo Ruut“ nahmen die Zuhörer in der zweiten Konzerthälfte mit auf eine Reise weit zurück in die estnische (Folk-)Geschichte. Mehr oder weniger per Zufall sind sie zu ihrem heute im Mittelpunkt stehenden Instrument gekommen: Der estnischen Zither, einem der ältesten Instrumente des Landes, wie sie in Brombach erzählten.

Diese spielen sie heute zu zweit und mit reihenweise „weird techniques“, seltsamen Techniken, so ihre eigene Einschätzung. In einem vierhändigen, akribisch aufeinander abgestimmten Vexierspiel werden die Saiten über Kreuz gezupft, mit dem Bogen gestrichen oder mit Schlagzeugstöcken geschlagen. Die Zither offenbart dabei den Klangkosmos beinahe sämtlicher Saiteninstrumente, tönt abwechselnd wie Kontrabass, Violine, Gitarre oder Harfe – und übernimmt zugleich den perkussiven Part.

Ebenso kunstvoll ist der Gesang: Mal solo, mal unisono verflechten und entflechten sich die Stimmen in Lagen von rau bis zuckersüß. Das Duo, das auch den Support bei der Stimmen-Eröffnung mit Max Mutzke übernimmt, sammelt alte Texte und Melodien und arrangiert sie neu, vollgepackt mit überbordenden Ideen. So geht es im Stück „Tuule Sõnad“ vom gleichnamigen Debüt-Album um einen überlieferten Wetterzauber und im Titel „Une Sulased“ um einen alten Traummythos. Dazwischen gibt es den irischen Folksong „Nightingale“, den sie trotz der „Strenge der Folk-Polizei“ (Ann-Lisett Rebane) als pulsierenden Stilmix servieren. Weitere Termine: 3. Juli, 20 Uhr, Kulturtreppe MUKS-Museum Riehen. 4. Juli, 20 Uhr, Kulturhotel Guggenheim Liestal. 5. Juli, 20 Uhr, Burg Rötteln Lörrach.

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