Lörrach Wie ein Marco Polo der Neuzeit

Rezitator Gerd Heinz Foto: Jürgen Scharf

Von Jürgen Scharf

Lörrach. Er war wohl überall auf der Welt unterwegs und hat seine Reiseerfahrungen zu literarischen Landkarten verarbeitet: der österreichische Autor Christoph Ransmayr. Mit seinen 70 Episoden „Atlas eines ängstlichen Mannes“ hat er eine Art erzählten Weltatlas verfasst.

In der zweiten Veranstaltung im Burghof in dieser Saison, locker an Tischen im Foyer und mit Bewirtung, konnten sich die Zuhörer fragen: Was sind das eigentlich für Geschichten? Sind es authentische Reiseberichte? Vom Autor selbst erfahren?

Dramaturgisch gestaltet war dieser zwei Mal verschobene Abend von Gerd Heinz (Lesung) und Lucas Fels (Cello) mit fünf Erzählungen aus dem „Atlas“ in der A-B-A-B-Form: Auf jede Rezitation folgten je zwei zusammenhängende Musikstücke. Gleichzeitig war es die Uraufführung von zwei Zyklen für Cello solo des Freiburger Komponisten Gilead Mishory, der Lucas Fels die Stücke gewidmet hat. Die sechs „Wutanfälle für einen Cellisten“ und die „Spaces Voyages“ sind kleine Suiten, die gut zum Charakter der Geschichten passten und mit ihnen dicht verwoben waren.

„Ich sah...“ So beginnen die Erzählungen in Ransmayrs Reisetagebuch sehr erhaben, ja fast pathetisch. Die kurzen Begebenheiten aus aller Herren Länder führen an fremde, entlegenste und exotische Orte, die der Autor wie ein Marco Polo der Neuzeit bereist, an denen er gelebt oder die er durchwandert haben will: Momentaufnahmen als Nachklang des Gesehenen und Erlebten, eine Tour d’Horizon über verschiedene Kontinente hinweg.

Aus diesem Weltbuch haben die Protagonisten fünf Episoden ausgesucht. Zu Beginn ist der Ich-Erzähler vor der Chinesischen Mauer in ein Gespräch mit einem Vogelstimmensammler vertieft („Reviergesang“). Auch im zweiten Reisebericht ging es um Federwesen. In Neuseeland trifft der Strandwanderer auf einen Vogelwart und beobachtet die Flugübungen eines jungen Königsalbatros mit ausgebreiteten Schwingen über umbrandeten Klippen („Flugversuche“).

Nach einer jüdischen Holocaust-Geschichte reiste der Rezitator an die Ostküste von Sumatra in einen Mangrovenwald, und die Gäste lauschten einem literarischen Blues über einen blinden Karaokesänger, reglos sich sonnende Geckos, Insektenschwärme, eine struppige Katze, Stromausfall und vergebliche Liebe („Love in Vain“).

Zuletzt weilten die Zuhörer als Touristen in Peking, saßen mit Gerd Heinz auf einer Lehminsel vor dem Sommerpalast der chinesischen Kaiserin und sahen einem seltsamen Kalligrafen zu, wie er Zeichen ins Wasser und in den Grund setzt.

Mit ruhiger Stimme, gleichmäßig und mit Bedacht hebt Gerd Heinz an, die einzelnen Episoden zu erzählen, wandert von Ort zu Ort, zoomt die Ereignisse, Augenblicks-Begegnungen und Beschreibungen Ransmayrs heran, führt durch Zeiten- und Seelenlandschaften.

Dass der Erzähler bei gewissen Situationen „ängstlich“ gewesen sein soll, konnte man bei dieser kleinen Auswahl indes nicht feststellen. Eher hatte man den Eindruck, die Neugier des Reisenden und seine Beobachtungsgabe mitzuerleben und war von Mal zu Mal mehr gespannt, wie das Leben der Weltbewohner literarisch kartografiert wird.

Die Cellostücke sollten im Wechsel mit den Geschichten einen „Flow“ entwickeln. Und das gelang Lucas Fels mit souveräner Tongestaltung und klanglich vielfältigen Ausdrucksmitteln in den dynamischen „Wutanfällen“ und den klanglich subtileren Weltraumpatrouillen wie dem ätherischen „The Ship“, das einen musikalischen Nachhall auf den Text „Die Arbeit der Engel“ bildete.

Sprache, Rezitation und Celloklang gingen in eins bei diesen beiden spürbar vertrauten Künstlern, die schon oft gemeinsame Programme gestaltet haben und stimmig durch die „Poetik der Welt“ führten.

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