Lörrach Wie wirklich ist die Wirklichkeit?

Die Oberbadische, 12.10.2017 16:25 Uhr

Von Ursula König

Lörrach. Was ist heute Wirklichkeit? Dieser Frage geht der Kabarettist Bruno Jonas in seinem neuen Programm „Nur mal angenommen“ nach. Am Mittwoch stellte er es im vollbesetzten Burghof vor. Dann kann er sich schon mal lautstark ereifern. Aber die Aufregung sei künstlich, versichert er. Schließlich sei er Künstler und: „Das mache ich nur für Sie“.

Politik, Gesellschaft, Kommunikation und sein Beruf als „Packerlannehmer“ bestimmen die Themen eines kompakten Abends. Dazu kommt ein wacher Geist, der sich nicht von gängigen Phrasen benebeln lässt. Das bezieht er auf die politische Bühne ebenso wie auf feministische Themen oder auf den Satz: „Der Islam gehört zu Deutschland“.

Er sei nicht vor Jahren aus der katholischen Kirche ausgetreten, um repressive Tendenzen an anderer Stelle zu akzeptieren, meint er. Der Begriff „Islam“ ist ihm zu pauschal. Aber er steht hinter der Aussage: „Friedliche muslimische Bürger, welche sich für die Grundrechte einsetzen, gehören zu Deutschland.“ Jonas rät dazu, Aussagen prinzipiell mehr in „Gänsefüßchen“ zu setzen. Da sei man auf der sicheren Seite und zeige zudem, dass man reflektiert mit Begriffen umgehe.

„Do schau her!“; mit diesen Worten betritt er die Bühne, die vollgestellt ist mit Paketen. Der wichtige Beruf zieht einige Kontakte mit Nachbarn und dem Paketzusteller „Murat“ nach sich. Dadurch konnte Jonas „soziale Kompetenzen“ erwerben und erfährt einiges über die Türkei und die Gewohnheiten seiner Mitmenschen.

Und wie nebenbei baut er diese Erkenntnisse in sein doppelbödiges Programm ein, mit dem Wissen, dass ein „intelligentes, humorvolles und musikalisches“ Publikum dies zu würdigen versteht: „Glauben Sie, dass das Richtige falsch wird, wenn es der Falsche sagt?“ oder „Woher kommt die Unzufriedenheit mit der Demokratie?“ Mit diesen Fragen bringt er zum Nachdenken angesichts einer instabilen Weltlage und legt feinsinnig satirisch nach.

Auf diese Kunst versteht er sich. Kein Wunder, schließlich arbeitet er an der Ironisierung des Abendlandes. Als politischer Kabarettist greift er natürlich auch den Einzug der AfD in den Bundestag auf. Er hätte die Partei dort nicht gebraucht, meint er. Auch nicht als zusätzlichen Kabarettstoff. Schließlich komme er schon mit den anderen nicht hinterher. Aber Jonas stellt sich der Wirklichkeit, auch wenn er sich fragt, ob diese nicht ein „uraltes Konzept“ aus dem 18. Jahrhundert sei. Angesichts der digitalen Revolution überlegt er sich, ob Wirklichkeit nicht das sei, was Samsung als Datensatz erfasse. Zuletzt gibt er den Tipp, dass die Sprache durchaus zur Verständigung genutzt werden könne, fragt sich aber auch, ob dies überhaupt noch erwünscht ist.

Jonas versteht es, brillant wachzurütteln und an der Bequemlichkeit des Alltags zu kratzen. „Romantisch“ gestaltet er dagegen das Ende, wenn er gemeinsam mit den Zuhörern „Ade zur guten Nacht“ singt und damit einen „versöhnlichen“ Abschluss schafft.

 
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