Lörrach Wieder zueinander finden

 Foto: Fotos: Guido Neidinger      

„Burghof und Stimmen – Welche Aufgaben in Stadt und Region?“ lautete der Titel einer Informationsveranstaltung am Montagabend. Angesichts der Finanznot der Stadt und der Entfremdung beider Kulturbetriebe mit den Bürgern ist dies ein brisantes Thema. Zwei Stunden wurde diskutiert, und Fragen aus dem Publikum beantwortet.

Von Guido Neidinger

Lörrach. Als der Burghof Ende 1998 eröffnete, wunderten sich die ersten Besucher. Der dunkle Asphalt zog sich von der Straße hinein bis ins Foyer des Hauses. Dies war kein Zufall. Dahinter steckte eine Idee. Die Fortsetzung des Straßenbelags ins Innere des neuen Kulturtempels sollte Offenheit symbolisieren. Alle Bürger sollten sich – ohne Hemmungen und Barrieren – eingeladen fühlen, den Burghof als ihr Haus der Kultur zu empfinden und zu erleben.

Längst hat sich der Bodenbelag im Burghof geändert. Aber nicht nur der: In den vergangenen Jahren ist eine zunehmende Entfremdung des kulturellen Leuchtturms der Stadt mit seinen Bürgern – oder zumindest eines großen Teils der Bürgerschaft – feststellbar.

Dazu beigetragen haben besonders in jüngster Zeit häufige Querelen um die Zuschüsse der Stadt für den aufwendigen Betrieb. Während die Burghof-Geschäftsführung immer lauter beklagte, dass der Zuschuss in Höhe von 1,5 Millionen Euro nicht auskömmlich sei, ist der Gemeinderat nicht willens und sieht sich auch nicht in der Lage, immer wieder hohe Defizite – im Schnitt 160 000 Euro pro Jahr – auszugleichen. Letztlich führte dies zu einem unheilbaren Zerwürfnis. Der Geschäftsführer ging.

Auch das Stimmenfestival – einst ein kultureller Magnet – hat an Anziehungskraft für die Menschen in Stadt und Region verloren. Verloren ging zumindest teilweise auch die Identifikation mit dem Festival. Ein Besucherschwund war die Folge.

Wie dieses belastete Verhältnis von Stimmen und Burghof mit der Stadtgesellschaft wieder besser werden kann, darüber diskutierten: Oliver Scheytt, Kulturpolitiker und Gutachter (virtuell zugeschaltet), Siegfried Dittler, Geschäftsführer der Landesarbeitsgemeinschaft der Kulturinitiativen und Soziokulturellen Zentren, Birgit Degenhardt, Leiterin Werkraum Schöpflin, und André Marker, Vorsitzender des Kunst- und Kulturförderkreises (KKF). Professionell moderiert wurde die Veranstaltung von SWR-Redakteur Matthias Zeller. Dass auf dem Podium kein Kritiker des Burghofs und des Festivals saß, sei nur am Rande vermerkt.

Dennoch versuchten die Diskutanten keineswegs eine heile Welt vorzugaukeln, sondern befassten sich konstruktiv kritisch mit der kulturellen Gemengelage.

In seiner Begrüßung verwies Oberbürgermeister Jörg Lutz, der sich ansonsten zurückhielt, auf die weit über die Grenzen Lörrachs hinausreichende Bedeutung des Stimmenfestivals und des Burghofs mit seinem Qualitätsprogramm für das Image der Stadt. „Das ist Stadtmarketing pur“ und „ein Pfund für die Stadt“ sind nur zwei Zitate von Lutz. Der Oberbürgermeister machte aber auch deutlich, dass der Zuschuss in Höhe von 1,5 Millionen Euro „ausreichen muss“. Einzige Ausnahme sei die Dynamisierung der Personalkosten von derzeit einer Million Euro. Lutz gab sich überzeugt: „Wenn man an gewissen Stellschrauben dreht, dann bin ich guter Hoffnung, dass es gelingen kann – mit einem guten und gehaltvollen Programm“. Und er betonte noch einmal: „Das Geld muss ausreichen.“

Das überzeugte nicht alle Diskutanten. Birgit Degenhardt plädierte „für sehr viel Mut.“ Sie gab den über die Zuschüsse für Burghof und das Stimmenfestival entscheidenden Stadträten diesen Ratschlag mit auf den Weg: „Geben Sie mehr Geld dafür aus.“ Nur so könne das derzeitige hohe Niveau gehalten werden.

Die bei dem Münchner Beratungs- und Vermarktungsunternehmen „actori“ von der Stadt in Auftrag gegebene Studie zu Burghof und Stimmenfestival kommt indes zu einem anderen Ergebnis. Auch Gutachter Oliver Scheytt plädierte am Montag dafür, das erreichte Niveau zu halten. Allerdings ist dies seiner Ansicht nach mit dem derzeitigen Zuschusspaket machbar. „Man kann mit dem vorgegebenen finanziellen Rahmen gut wirtschaften.“

Wie, das gehen kann, erläuterte Siegfried Dittler: Nicht zu sehr auf große Namen setzen, sondern „wie ein Trüffelschwein“ nach jungen Künstlern mit großem Potenzial Ausschau halten und diese an Burghof und Stimmenfestival binden.

André Marker wollte sich nicht auf ein Einfrieren des derzeitigen Zuschussbetrags festlegen. Angesichts des immer wiederkehrenden Defizits stellte er aber die Frage: „Ist das neue Führungsteam in der Lage, das Ziel zu erreichen?“

Damit war ein wichtiges Stichwort gefallen: Führungsteam! Die Zeiten eines übermächtigen Intendanten seien vorbei, betonte Scheytt und empfahl, die Geschicke von Burghof und Stimmenfestival in die Hände eines „agilen Managements und eines Führungsteams“ zu legen. Degenhardt sprach sich sogleich für eine Frau an dessen Spitze aus. Auch Marker kann sich das gut vorstellen. Wichtig für Scheytt: „Es muss wieder Vertrauen beim Publikum entstehen.“ Dafür müsse sich die neue Geschäftsführung neben fachlichen Qualitäten mit der Region identifizieren. Dann müsse ihr die Freiheit gegeben werden, im gesetzten Rahmen den kulturpolitischen Auftrag zu erfüllen. „Wir suchen also die Eier legende Wollmilchsau“, meinte eine Besucherin süffisant.

André Marker beklagte die Entfremdung der Bevölkerung. Gründe sieht er in der Programmgestaltung, aber auch in der mangelhaften Vernetzung mit vorhandenen Gruppen.

Die von Thomas Nüssle vorgeschlagene Schlagernacht bei Stimmen wurde als nicht zielführend erachtet. „Damit zerschieße ich mir mein Profil“, meinte Birgit Degenhardt.

Herbert Sitterle wünscht sich, „dass die Rosenfelskonzerte wieder zu einem Fest mit viel Atmosphäre und Weltmusik werden – ohne Gehörschaden“.

Christian Bucher forderte, dass der Burghof „endlich zum Bürgerhaus wird“ und die oberen Räume freigegeben werden, zum Beispiel für Vereine. „Dafür braucht man aber Personal, und das kostet weiteres Geld“; hielt André Marker ihm entgegen.

Heinz-Peter Schmitz, selbst Musikpädagoge, wünscht sich einen Musikvermittler, der mit Menschen arbeitet, „die eher nicht in solche Kulturhäuser gehen“. Schmitz aber schränkte selbst ein: „Das würde natürlich wieder Geld kosten.“

Bernhard Hoechst plädierte dafür, den Burghof zu nutzen „und nicht viele Tage geschlossen zu halten“.

Die Anregung von Burghof-Mitarbeiterin Fiona Läuger, mehr Werbung für das Haus zu machen, griff Oliver Scheytt auf und betonte: „Das Marketing muss verbessert werden.“ Bei einem Jahresumsatz von fünf Millionen Euro seien Marketingausgaben von 290 000 Euro „viel zu gering“.

Im Schlussplädoyer brachte André Marker den Wunsch vieler zum Ausdruck: „Wir brauchen ein stärkeres Wir-Gefühl. Die Bürger müssen wieder sagen: Das ist unser Burghof und unser Stimmenfestival.“ Mit anderen Worten: Beide Seiten müssen wieder zueinander finden. Auch das wird eine wichtige Aufgabe der neuen Geschäftsführung sein.

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