Lörrach „Wir wollen niemand belästigen“

mek, 29.09.2018 05:30 Uhr
Die IG Musikkultur Lörrach veranstaltet am heutigen  Samstag von 16 Uhr bis Mitternacht  die Outdoor-Party „Bridge Under 2018“ mit elektronischer Musik unter der Autobahnbrücke  an den Brombacher Straße. Kristoff Meller hat Mitorganisatorin und Linken-Stadträtin Sabin Schumacher im Vorfeld Fragen zur  nicht-kommerziellen, kostenlosen Veranstaltung, zur Lautstärke, Anwohnern und Partyflächen für Jugendliche im Stadtgebiet gestellt.
 

Frau Schumacher, können Sie kurz erklären, was das Musik-Event „Bridge Under 2018“ ausmacht?
Anders als zum Beispiel in der Schweiz, wo es viele solcher Plätze gibt, existieren  auf deutscher Seite vergleichsweise wenig. Bei genauer Betrachtung, wird klar, es fehlt in der gesamten Region an Orten, wo sich Menschen, gerade Jugendliche und junge Erwachsene, störungsfrei für andere zum Feiern unter freiem Himmel treffen können. Nichtkommerziell wohlgemerkt. Hier ist das Grundstück unter der A98 recht gut geeignet.

Laut der Veranstaltungseinladung bei Facebook wollen aktuell 410 Personen teilnehmen und weitere 3846 Menschen interessieren sich zumindest dafür. Mit wie vielen Besuchern rechnen Sie denn als Veranstalter und wie groß ist das Einzugsgebiet?
Facebook-Zahlen... An den Zusagen können wir uns von der IG Musikkultur schon etwas orientieren. Das zeigen die bisherigen Erfahrungen mit den früheren Veranstaltungen unter der A98, auch wenn sich unseren Beobachtungen nach bei jeder Veranstaltung zeitgleich immer nur gut 150 Personen auf der Fläche aufgehalten haben. Aufgrund des schönen Wetters könnten es im Laufe der anstehenden Veranstaltung aber schon 500 bis 600 Gäste werden. Die meisten kommen aus Lörrach und der näheren Umgebung.

Fotostrecke 3 Fotos

In der Vergangenheit wurde in den städtischen Gremien teils kontrovers darüber diskutiert, ob und wie oft man solche lauten Veranstaltungen an diesem Ort genehmigen soll. Auch einige Anwohner hatten sich beschwert. Haben sich inzwischen die Wogen wieder geglättet?
Als wir als IG Musikkultur 2012 erstmals mithilfe der Lörracher Piraten und einer Demonstration auf das Thema aufmerksam gemacht haben, wurde schnell deutlich, dass Stadt und Gemeinderat bis dahin das Fehlen solcher Orte nicht auf dem Schirm hatten. Genauso wenig wie den Bedarf. Im Grunde unbemerkt von der älteren Generation, sind solche Nischenorte, die für ihre Generation eine Selbstverständlichkeit waren und die gerade von jungen Menschen genutzt werden, fast zur Gänze verschwunden. Denn anders als noch vor der Jahrtausendwende gibt es in der Region aufgrund von strengeren Umweltgesetzen, aber auch durch den Bauboom immer weniger Grundstücke, wo Menschen sich unter freiem Himmel treffen und feiern können. Es muss dann hin und wieder auch möglich sein, lauter zu sein, unabhängig vom Musikstil, also auch mit Techno und ohne das gleich der Gesetzeshüter einschreitet und womöglich Anlagen und Co. konfiziert. Das ist keine gute Message an die Menschen, vor allem nicht die junge Generation. Und richtig, die Wogen haben sich geglättet, so würde ich auch meinen. Das IG-Orga-Team war von Anfang an um möglichst viel Austausch mit allen Seiten und um Transparenz bemüht. Entsprechend eng verlief unsere Zusammenarbeit mit den zuständigen Fachbereichen von Stadt und Landkreis. Darüber hinaus haben wir grundsätzlich auch vor den Veranstaltungen Anwohneranschreiben mit unseren Kontaktdaten verteilt.

Gab es Reaktionen auf das Schreiben?
Genutzt wurde dies vor der ersten Veranstaltung meines Erachtens nach lediglich von einem einzigen Anwohner. Seine Bedenken konnten wir über das persönliche Gespräch dann aber ganz simpel zu seiner Zufriedenheit ausräumen. Das ist es halt: Die Kommunikation ist immer das A und O. Deshalb war der geballte Unmut, der sich im Frühjahr 2017 im Brombacher Ortschaftsrat ergoss und die Vorwürfe mit denen wir uns mit gut fünfmonatiger Verspätung plötzlich konfrontiert sahen, für uns mehr als überraschend und unverständlich. Nach der ersten Veranstaltung gab es von der Polizei positives Feedback. Wir erfuhren im Anschluss lediglich von zwei telefonischen Anwohner-Beschwerden –­ eingegangen vor 22 Uhr. Deswegen war es wichtig, miteinander zu sprechen. Niemand hat ein Interesse daran, die Anwohner zu belästigen. Viele Informationen, die wir daraufhin erhielten, waren sehr hilfreich für uns. So konnte es gelingen, schon die darauffolgende Veranstaltung belastungsfreier für die Anwohner zu realisieren. Das ist neben achten tollen Stunden für die Partygäste mit gutem Techno, tanzen und netten Leuten, auch diesmal wieder das Ziel. Nach der Veranstaltung 2017 bedankte sich sogar ein Anwohner für unsere Rücksichtnahme. Ein großartiges Feedback aus der Anwohnerschaft.

Haben Sie auch dieses Jahr im Vorfeld die Anwohner für die Veranstaltung sensibilisiert oder werden Lärmschutz-Vorkehrungen getroffen, damit es am Samstag keine Beschwerden gibt?
Ganz klar! Auch in diesem Jahr haben wir Anwohneranschreiben verteilt. Ich selbst mache bei vielen Gelegenheiten auf die Veranstaltung aufmerksam und spreche dann mit den Leuten darüber. Das Feedback war bislang immer positiv.

Die Nutzung der Fläche ist mit relativ hohen Auflagen verbunden. Wie sehen diese im Detail aus und sind diese Ihrer Meinung nach übertrieben? Gerade Jugendliche  dürften sich  aufgrund der Anforderungen und Kosten schwer tun, die Fläche unter der Autobahnbrücke zu mieten, oder?
Es geht los mit 50 Euro Bearbeitungsgebühr. Allein diese hohe Gebühr, schreckt viele Menschen gleich ab, wenn sie darüber nachdenken, so ein Event mit Freunden machen zu wollen. Das wurde uns von Interessenten immer wieder so berichtet. Es gibt immer mehr Menschen, für die 50 Euro kein Klacks sind. Das gilt nicht nur für junge Erwachsene in Ausbildung. Immer mehr Menschen brauchen mehrere Arbeitsstellen, um über die Runden zu kommen. Wollen wir, dass sie alle keine Chance mehr auf solche Feste haben? Wollen wir Teilhabe immer mehr vom Geldbeutel abhängig machen? Ich hoffe nicht! Ich bin der Meinung, dass es der Stadt möglich sein muss, die Auflagen zu mindern. Es muss auch möglich sein, auf diese Gebühr zu verzichten oder sie zumindest in einer dem Zweck angemessen Höhe, neu zu definieren. Ein weiterer Posten sind die Kosten für die Fläche, die die Regio Messe verpachtet. Der Platz muss in gutem Zustand zurückgegeben werden. Das bedeutet anschließend muss er gereinigt werden. Es gibt eine Dezibel-Beschränkung. Sie brauchen Toiletten, eine Absperrung zum Schutz für den Pumptrack (bisher mussten sogar Bauzäune herangeschafft werden), zehn Ordner, Beleuchtung, eine Auffangwanne für das Aggregat, ein Lärmgutachten und mehr. Da kommt einiges zusammen.  

Wie bewertet die IG Musikkultur den Platz generell? Sind Sie froh, dass es überhaupt eine Fläche gibt, auf der die Partys legal stattfinden können, oder wo würden Sie gerne feiern?
Natürlich wären weitere Plätze, um legale Outdoor-Events veranstalten zu können, wichtig. Der Wunsch danach erreicht die IG in letzter Zeit immer wieder, zudem nicht jeder den Ort unter der A98 für sein Event passend findet und es auch Bedarf für mehr Veranstaltungen gibt. Das ist ein weiteres Ziel, das wir in Angriff nehmen, neben dem Ziel, für den Platz unter der A98 einen wirklich niedrigschwelligen Zugang zu erreichen. Und ganz klar, die Bodenbeschaffenheit unter der A98 ist nicht optimal. Sie könnte besser sein, aber grundsätzlich hat der Platz, gut geschützt vor Regen und mit seinen Graffitis, einfach Flair. Für Veranstaltungen mit elektronischer Musik wie wir sie derzeit umsetzen, ein echtes Highlight.  Letztendlich würde ich mir wünschen, dass wir uns als Gesellschaft grundsätzlich für solche Orte einsetzen. Diese besonderen Nischen sollten nicht verschwinden, denn sie sind mehr als nur Flächen, wo laut gefeiert wird. Es sind vor allem Orte der Begegnung, des Austauschs von Ideen und Übens von sozialer Kompetenz.  

Alle interessierten  Bürger sind eingeladen. Kein Eintritt, Getränke gegen Spende. Anschließend „Afterhour Party“ (mit Eintritt) im Club „Notlösung“, Marie-Curie-Straße 4