Lörrach Zähne putzen auf der Bühne

Gemeinsam spielen die Teilnehmer einen kurzen Sketch: die Flucht vor dem nahenden Hochwasser. Foto: Sara Berg Foto: Die Oberbadische

Von Sara Berg

Lörrach. Das inklusive Theaterprojekt „Aus dem Leben – Parallelwelten“ des Freien Theaters Tempus fugit und der stationären Einrichtungen von „Leben und Wohnen“ nimmt die Ideen der Teilnehmer mit Körper- und Mehrfachbehinderung auf, statt sie in ein Konzept zu zwängen.

„Was ist denn eigentlich Theater?“ – Mit dieser Frage starten die Teilnehmer in das Projekt. Lange überlegen muss da keiner: „Improvisation“, „Spiel“, „Pantomime“ und „in fremde Rolle schlüpfen“ sprudelt es aus dem Grüppchen heraus. „Zähne putzen“, ertönt da plötzlich ein Zwischenruf. Die Anderen schauen sich verdutzt an: „Im Theater?“ Doch dann entsteht im Nu ein kleiner Sketch aus der Idee, und alle spielen in Kleingruppen begeistert mit.

Zum zweiten Mal veranstalten das Freie Theater Tempus fugit und die stationären Einrichtungen von „Leben und Wohnen“ das inklusive Theaterprojekt. Im Unterschied zum vergangenen Jahr, dessen Ergebnisse bei der Weihnachtsfeier der Wohneinrichtung zu sehen waren, sollen nun jedoch keine kurzen Sketche sondern ein zusammenhängendes Stück am Ende des Projektes stehen.

„Wir schaffen hier eine ganz spezielle Form von Theater – eine gleichberechtigte“, betont Tempus fugit-Leiterin Karin Maßen die Besonderheit des Projekts: Es gibt kein Drehbuch, kein zuvor festgelegtes Konzept. Stattdessen werden gemeinsam Ideen gesammelt, jeder kann sich einbringen.

„Wir möchten zeigen, was alles erreicht werden kann – trotz Behinderung“, erklärt Doris Meyer, Geschäftsführerin von „Leben und Wohnen“. Ein Jahr lang schlüpfen die derzeit sieben Teilnehmer mit Körper- und Mehrfachbehinderung gemeinsam mit vier ehrenamtlichen Assistenten von „Leben und Wohnen“ sowie vier Mitarbeitern von Tempus fugit einmal pro Woche in andere Rollen, kommen aus sich heraus und entdecken dabei neue Seiten an sich selbst.

Das macht sich auch im Gruppenalltag bemerkbar, wie Meyer erklärt: „Durch das Spiel entwickelt sich Gemeinsamkeit. Die Teilnehmer lernen, sich in den anderen hineinzuversetzen. Außerdem können sie hier spielerisch den Umgang mit Emotionen ausprobieren und schaffen sich so ein gesundes Ventil für alltäglichen Frust oder Wut.“

Doch auch die Mitarbeiter von Tempus fugit lernen im Verlauf des Projekts viel dazu: „Für uns heißt es, lernen zu warten, Geduld zu haben, Dinge auch einmal zu erfragen“, erklärt Maßen. „Normalerweise arbeiten wir im Theater viel mit Sprache und Artikulation. Da sind wir hier natürlich eingeschränkt und müssen uns stattdessen auf andere Wege einlassen.“

Theaterpädagoge Benjamin Böcker ergänzt: „Ich bin immer wieder überrascht, welche Ideen von den Menschen hier kommen. Das ist eine ganz besondere Gruppe. Wir müssen uns auf viel Neues einstellen – das beginnt schon bei kleinen Dingen, wie dem Öffnen einer Jacke. Es gibt keine Gruppe, bei der ich so wach und offen bin!“

Kommenden Monat möchte die Gruppe einen Aufruf starten: Wer noch am Projekt „Aus dem Leben – Parallelwelten“ teilnehmen möchte, ist herzlich willkommen. Bis dahin werden fleißig weiter Ideen zusammengetragen. Sogar eine Darbietung im Rahmen der „Werkstattaufführungen“ von Tempus fugit im Juni ist bereits angedacht.

Interessierte können sich per E-Mail an offenehilfen @lebenwohnen.de wenden.

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