Lörrach Zeitgemäßer Funktionsbau in historischer Hülle

Lörrach - Die Lörracher Polizei ist umgezogen. Am Donnerstag fand die offizielle Einweihung mit Schlüsselübergabe im neuen Domizil in der Weinbrennerstraße 8 statt (wir berichteten). Was aber verbirgt sich im Inneren des 300 Jahre alten Gebäudes, das für rund 3,1 Millionen Euro umgebaut wurde? Was ist neu, und was ist erhalten geblieben? Polizeipressesprecher Jörg Kiefer hat uns durch das Haus geführt und (fast) alle Räume gezeigt.

30 Meter lang ist der ehemalige Schießkeller im Untergeschoss des sanierten Gebäudes der Weinbrennerstraße 8, dem ehemaligen Domizil der Polizeidirektion. Doch wo früher scharf geschossen wurde, haben die Beamten nun mehrere neue Umkleideräume erhalten. Auch neue Waschmöglichkeiten sind vorhanden, die es im alten Revier an der Bahnhofstraße ­in dieser Form nicht gab. Wie so vieles, was heutzutage wünschenswert oder erforderlich ist, erläutert Jörg Kiefer beim Rundgang.

Barrierefreiheit im Barockgebäude als zentrale Anforderung

Eine zentrale Anforderung an das mit vielen Treppen ausgestattete Barockgebäude war die Barrierefreiheit. Insgesamt wurden rund 3,1 Millionen Euro für die Aus- und Umbauarbeiten ausgegeben. Der außen am Gebäude angebrachte Aufzugsturm ist mit einem mittleren sechsstelligen Betrag gleichzeitig der größte Einzelposten, verrät Kiefer. Der Fahrstuhl bietet ausreichend Platz, um Rettungskräfte und Krankentrage unterzubringen und bedient alle Etagen bis auf das Dachgeschoss. „Wir Beamten laufen aber meistens“, erklärt der Pressesprecher im Fahrstuhl auf dem Weg ins Erdgeschoss.

Dort befinden sich überwiegend Büros. Beispielsweise ist hier der Streifen- und der 24-Stunden-Dienst untergebracht. Besonders beeindruckend ist die Wache direkt neben dem Haupteingang. Von hier aus können die Gesetzeshüter über das Einsatzleitsystem alle laufenden Einsätze, Notrufe und Streifenwagen in Echtzeit beobachten. „Kommt ein Notruf rein, schicken die Beamten über ihre vier Bildschirme per Mausklick am Computer ein Fahrzeug zum Einsatz“, erklärt Kiefer. Das spart Zeit und entlastet den Funkverkehr. Reviergrenzen spielen dabei keine Rolle: „Es wird das Fahrzeug geschickt, das sich gerade in nächster Nähe befindet – egal ob aus Lörrach oder Weil am Rhein. Die Kollegen auf Streife werden dann über ihren Display im Fahrzeug alarmiert.“

Videoüberwachung in den den Zellen

Eine Besonderheit gegenüber der Bahnhofstraße hat das „Herz“ des neuen Reviers auch: Es gibt einen zweiten Arbeitsplatz für besondere Gefahrenlagen.

Von der Wache aus werden außerdem alle wichtigen Ein- und Ausgänge sowie neuerdings auch die fünf Zellen, der Verwahrraum und das Blutentnahmezimmer per Videokamera überwacht. Das ist ein großer Vorteil, wie Jörg Kiefer beim Blick auf den Monitor erläutert: „Früher mussten die Beamten regelmäßig nach den Personen in der Zelle schauen, nun geht das bequem über den Monitor.“

Lediglich der Toilettenbereich in der Zelle ist aus Persönlichkeitsgründen durch eine schwarze Fläche auf dem Bildschirm zensiert. „Hält sich die Person dort länger auf, muss der Beamte natürlich einen persönlichen Blick in die Zelle werfen“, sagt Kiefer. Aktuell ist nur eine der fünf Zellen belegt. Im Jahr 2018 waren laut Kiefer im Lörracher Revier pro Tag durchschnittlich 1,8 (insgesamt 204) Personen in polizeilichem Gewahrsam – beispielsweise zur Ausnüchterung, zum Selbstschutz oder auch zur Untersuchungshaft.

Augenkontakt ohne Gefahr

Im Gegensatz zu den Zellen des alten Dienstsitzes haben die Zellentüren keinen Spion mehr, sondern kleine, etwa DIN A4 große eingebaute Klappen. Das hat laut Kiefer verschiedene Vorteile: „Beispielsweise können die Beamten so Augenkontakt zu den Insassen aufnehmen, ohne dass die Gefahr besteht, dabei von ihnen angegriffen zu werden“. Eine Übernachtung in der Zelle kostet übrigens pro angefangene 24 Stunden 100 Euro. „In Sonderfällen sogar noch mehr“, sagt Kiefer.

Innerhalb des gesamten Zellenbereiches gibt es keine Treppen. Auch das ist neu. In der Bahnhofstraße haben die Stufen in diesem Bereich häufig zu Problemen geführt: „Da konnte es schon mal vorkommen, dass die Kollegen einen Häftling von 100 Kilogramm die Treppe hochtragen mussten, weil er nicht mehr in einem lauffähigen Zustand war“, erzählt Kiefer.

Als nächstes steuert der Pressesprecher das erste Stockwerk an. Den auf dem Weg liegenden, hoch gesicherten Waffenraum dürfen wir nicht betreten. Stattdessen führt er uns in den Raum mit der Nummer 117. Das Eckzimmer ist der mit Abstand größte Raum der ersten Etage. Durch die großen Fenster strömt viel Tageslicht in den Besprechungsraum. Zehn blaue Stühle stehen um den großen Holztisch in der Mitte, auf dem sich zahlreiche EDV-Anschlüsse befinden.

Liveaufnahmen und Lagedarstellungen

Hier können die Beamten mit Hilfe von Liveaufnahmen und Lagedarstellungen über den großen Bildschirm an der Wand Einsätze besprechen und ihn wie die Wache im Erdgeschoss nutzen. Was den Raum so geeignet als Besprechungsraum mache, sei die bereits vorhandene Akustikdecke gewesen, erklärt Kiefer: „Auch wenn hier mal viel los ist und durcheinander gesprochen wird, versteht man die einzelnen Personen dennoch gut.“

Von der 117 geht es anschließend wieder durch lange Flure an gefühlt endlos vielen Büros vorbei, einmal quer durch das erste Stockwerk, bevor Kiefer vor einer verschlossenen Tür anhält. „Kriminaltechnik – zutrittsbeschränkter Bereich“, ist auf einem Schild zu lesen. Wie hinter der schweren Holztür gearbeitet wird, ist streng geheim. Dahinter verbergen sich verschiedene Labore zur Spurenuntersuchung. Insgesamt wurde im Rahmen des Umbaus rund eine halbe Million Euro in technische Utensilien investiert – laut Kiefer handelt es sich jedoch lediglich um eine Standardausrüstung.

Datenbank mit DNA der Mitarbeiter

Und: „Hier kann immer nur ein Teil der Ermittlungen stattfinden, damit es keine Spurenvermischung zwischen Opfer und Täter gibt. Der andere Teil findet dann zum Beispiel in Freiburg oder Waldshut-Tiengen statt“, erklärt Kiefer.

Nur Berechtigte haben hier Zutritt. Diese müssen von Kopf bis Fuß einmal abgesaugt werden, um möglichst wenig DNA in den Räumen zu hinterlassen. Zusätzlich existiert eine Mitarbeiter-DNA-Datenbank, um ermittlungsfremde Spuren schnell auszuschließen.

Jede Menge ermittlungsfremde Spuren befinden sich im obersten Stockwerk des Polizeireviers. Im sogenannten Sozialraum des Dachgeschosses sitzen gerade einige Beamten mit Bäckertüten und Getränken. Der Pausenraum umfasst vier Tische, es gibt eine voll ausgestattete Küche mit Herd, zwei Backöfen und einem Kaffeevollautomaten. Anders als die übrigen Toiletten im Haus wurden die gut 30 Jahre alten sanitären Einrichtungen neben dem Sozialraum nicht saniert, was Revierleiter Wolfgang Grethler bei der Einweihung im Kanonenkeller bemängelte. Die Fließen sind braun, die Trennwände grün und die Waschbecken erinnern an die eines Freizeitheims der 80er Jahre.

Wieder im Erdgeschoss angekommen, wird klar, dass das Revier nicht ohne Weiteres betreten oder verlassen werden kann. Dafür sorgt eine Kopplung der beiden Türen am Ausgang, die von der angrenzenden Wache aus gesteuert werden. Die große braune Holztür, die nach draußen führt, lässt sich zudem erst öffnen, nachdem die innere Türe für mehrere Sekunden geschlossen ist. Dann endlich macht es „Klick“ – und wir atmen wieder die Luft der Freiheit.

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