Lörrach Zivilcourage zeigen

Die Haiducken spielten im voll besetzten Davidsaal Klezmermusik. Foto: Markus Greiß Foto: Die Oberbadische

Von Markus Greiß

Lörrach. Am Samstagabend war die Synagogengasse voller Menschen, die mit der Kerze in der Hand an die Novemberpogrome erinnerten. In jenen Tagen rund um den 9. November 1938 waren in Deutschland zahlreiche jüdische Bürger ermordet und Synagogen sowie andere jüdische Einrichtungen zerstört worden, darunter auch die Alte Synagoge in Lörrach.

In der Synagogengasse spielten nun Angehörige der Freiburger Klezmer-Band „Die Haiducken“ das Wiegenlied „Wiegala“ von Ilse Weber. Es heißt, die jüdische Schriftstellerin und Komponistin habe dieses Lied auf ihrem Gang in die Gaskammer von Auschwitz für ihren Sohn und andere Kinder gesungen. Landesrabbiner Moshe Flomenmann sprach darauf in der Teichstraße an der Stele zum Gedenken an die Deportation der Lörracher Juden ein Gebet für alle Menschen, die ermordet wurden. Im hebräischen Sprechgesang ertönten die Namen von KZ-Vernichtungslagern.

„Sie müssen sich darauf verlassen können, dass Sie zu uns gehören.“

Auf Einladung von Israelischer Kultusgemeinde und Stadt Lörrach fanden sich im Anschluss an die Mahnwache rund 150 Menschen zu einer Gedenkfeier im Davidsaal der Gemeinde ein. Dort schilderte Flomenmann seine gemischten Gefühle an diesem Tag. Einerseits sei er traurig, dass es auch heute 81 Jahre nach den Pogromen noch Antisemitismus und Gleichgültigkeit gibt. Andererseits hätten ihn „die vielen Leute in der Synagogengasse sehr gefreut“. Wichtiger als dieses Zeichen der Solidarität sei aber, bei Ungerechtigkeiten Zivilcourage zu zeigen, etwa wenn Kippaträger oder Frauen mit Kopftuch angegriffen würden.

Oberbürgermeister Jörg Lutz thematisierte den erstarkenden Antisemitismus im Land und zitierte Statistiken, wonach jeder vierte Deutsche antisemitischen Äußerungen zustimmen könne. Der Nährboden hierfür werde gelegt, wenn der Nationalsozialismus als „Fliegenschiss in der deutschen Geschichte“ bezeichnet würde, statt sich klar zu distanzieren. Lutz unterstrich, dass sich Antisemitismus gegen unser Grundgesetz, gegen die Religionsfreiheit in Artikel 4 richtet. „Wer daran rüttelt, rüttelt an den Grundfesten der Demokratie“, so Lutz.

Pfarrer Michael Hoffmann von der evangelischen Kirche erinnerte an den Angriff auf die Synagoge in Halle an Jom Kippur, dem höchsten jüdischen Feiertag. Mahnwachen alleine reichten nicht aus, um dem Antisemitismus entgegenzutreten, der auch als Israelkritik getarnt salonfähig werde. Man müsse Antisemitismus mit Klarheit erkennen und entgegentreten. Es gebe ihn sowohl unter Rechtsradikalen als auch unter linken Gruppen und Flüchtlingen aus arabischen Ländern.

An die israelische Gemeinde gewandt sagte er: „Sie müssen sich darauf verlassen können, dass Sie zu uns gehören und in unserer Heimat sicher sind.“

Zum Abschluss des Abends zeigten die Freiburger „Haiducken“ ein breites musikalisches Repertoire, das von Klageliedern bis hin zu lebensbejahender, temporeicher Hochzeitsmusik reichte.

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