Lörrach Zum Leben gehört auch der Tod

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Lörrach. Der Tod gehört unauslöschlich zum Leben, wird aber oft tabuisiert. Das freie Theater Tempus fugit inszeniert nun das Stück „Ente, Tod und Tulpe“ von Nora Dirisamer nach dem gleichnamigen Bilderbuch von Wolf Erlbuch. Premiere ist am Donnerstag, 26. Januar, 17 Uhr im Theaterhaus. Wir unterhielten uns mit der Regisseurin Recha la Dous über ihren Ansatz zu diesem ambitionierten Thema.

Frage: Es gibt einige Kinderbücher, die sich mit dem Thema Tod befassen. Wieso fiel Ihre Wahl auf Erlbruchs Bilderbuch?

Eher eine Geschichte zur Freundschaft als zum Tod

Es ist ein tolles Kinderbuch. Vor allem deshalb, weil der Tod hier in einer ganz besonderen Gestalt auf die Bühne kommt, sowohl vom Aussehen her als auch in der Art und Weise, wie er der Ente gegenübertritt. Er hat überhaupt nichts Erschreckendes an sich, ist eher ein Begleiter, der da ist, der den Weg mit ihr geht. Das Stück ist total lustig, eigentlich mehr eine Geschichte über Freundschaft als über den Tod. Es handelt vom Leben, zu dem der Tod unweigerlich dazu gehört.

Frage: Wie machen Sie den Tod für Kinder fassbar?

Der Tod bekommt eine Persönlichkeit. Im ursprünglichen Bilderbuch ist er eine kleine Figur mit einem Totenschädel. Das fand ich ziemlich gruselig. Ich habe stattdessen auf das barocke Doppelgänger-Motiv zurückgegriffen. Die Ente bekommt Besuch vom Tod, weil sie sterben muss. Der Tod kommt aber ebenfalls in Gestalt einer Ente, nur eben schwarz gekleidet statt gelb. Sonst sehen sie vom Kostüm her ganz identisch aus. Das schafft Nähe.

Die Kinder interessiert das

Frage: Das Stück ist ab fünf Jahren. Hat für Kinder der Tod weniger Schrecken als für Erwachsene?

Ich habe selber drei Kinder. Der Tod ist da immer wieder Thema. Die Kinder interessiert das auch. Das Problem ist oft eher, dass die Erwachsenen nicht darüber reden wollen. Kinder sind offener. Auch, weil sie die Endgültigkeit des Todes meist noch nicht richtig erfassen können. Sie fordern aber einen natürlicheren Umgang mit dem Tod ein. Für mich hat es etwas mit Respekt zu tun, den Kindern auf Augenhöhe zu begegnen und zu sagen: Ich nehme dich ernst mit deinen Gedanken und Fragen.

Frage: Das Thema ist ja allumfassend.

Ja. Ein Beispiel. Der Tod folgt der Ente, und diese beschwert sich, dass er ihr die ganze Zeit hinterherläuft. Der Tod sagt: „Nein. Ich bin schon immer da. Du hast mich nur nicht wahrgenommen.“ Die Idee, dass man mit dem Geborenwerden auch immer den Tod mit in die Wiege gelegt bekommt – mit dieser Wahrheit sollten sich auch Kinder auseinandersetzen können: auf eine freie, verspielte und angstbefreite Weise.

Frage: Steht das Stück häufig auf dem Spielplan?

Nicht so oft. Viele Theater haben Angst, dass bei dem Titel vielleicht zu wenig Zuschauer kommen. Schließlich buchen ja die Erwachsenen die Karten. Und die haben allzu oft Bedenken bei dem Thema.

Frage: Das Stück scheint aber allen Altersschichten inspirierend zu sein?

Auch für Eltern spannend

Genau. Mir ist es als Regisseurin immer wichtig, verschiedene Ebenen in meinen Stücken zu haben. Die Fünfjährigen, die vielleicht noch nie so richtig mit dem Thema in Kontakt gekommen sind, sehen darin vielleicht eher eine reine Freundschaftsgeschichte. Ältere Kinder, die schon die Erfahrung gemacht haben, dass ein Großelternteil verstorben ist, können darin eine andere Ebene sehen. Und auch Erwachsene werden gut unterhalten durch viele witzige Anspielungen. Ich finde es immer wichtig, dass sich auch die Eltern im Theater nicht langweilen.

Frage: Im Moment bekommen Kinder viel Schreckliches mit: von Corona-Toten bis zum Ukraine-Krieg. Hat sich da die Wahl des Stückes quasi aufgedrängt?

Theater für Kinder sollte sich generell mit wichtigen Fragen beschäftigen. Meiner Meinung nach sollte es mehr bieten als bloße Unterhaltung. Und das ist eben ein großes Thema unseres Lebens. Aber es stimmt schon: Es ist gerade eine besondere Zeit. Und gerade die Grundschulkinder, die Corona hautnah erlebt haben und jetzt die Kika-Nachrichten über den Krieg sehen, bekommen so eine Möglichkeit, über unverarbeitete Gedanken sprechen zu können.

Frage: Auch deshalb bieten Sie wohl nach dem Stück Gesprächsmöglichkeiten für Kinder?

Ja. 20 Minuten lang können sie direkt mit dem Ensemble sprechen, ihre Gedanken äußern, diese direkt dort lassen und nicht noch in die Schule oder nach Hause mitschleppen.

Alles darf gefragt werden

Frage: Trauen sich die Kinder eher, mit Außenstehenden über so etwas zu sprechen als mit den eigenen Eltern?

Das ist sicher oft der Fall. Ich gebe Kindern nach meinen Inszenierungen immer sehr gerne Raum, sich über das Gesehene auszutauschen. Gerade Grundschüler sind da sehr direkt und offen und nutzen solche Angebote sehr gerne. Zudem sind unsere Schauspieler alle auch ausgebildete Theaterpädagogen und somit für solche Fragen bestens geschult – auch bei heiklen Themen.

Frage: Wie wichtig ist das Bühnenbild?

Es ist schlicht. Ästhetik ist mir aber sehr wichtig. Ich finde eine ästhetische Schulung gerade auch in dem Alter sehr wichtig. Bei uns ist alles gelb, schwarz und durchsichtig. Alles Dunkle gehört zum Tod. Unsere Bühne ist ein riesiges Bällebad – eine verspielte Ästhetik, die passt. Das Ganze ist sehr kurzweilig, sehr actionreich und hat nur punktuell diese tieferen Gespräche, die in eine gute Grundstimmung eingewoben werden. Der Tod verliert seinen Schrecken.

  Termine

Termine: 26.  Januar, 17 Uhr, Theaterhaus Lörrach, Adlergässchen 13 (Premiere); weitere Termine: 28. Januar, 16 Uhr; 29. Januar, 16 Uhr; 24. März, 16 Uhr; 25. März, 16 Uhr. Schulaufführungen: 27. Januar, 11 Uhr, 24. März, 10 Uhr. Dauer: ca. 50 Minuten und 20 Minuten Nachbesprechung.   Das Gespräch führte Gabriele Hauger.

Zum Stück

Ente spürt es schon eine ganze Weile. Jemand beobachtet sie. Schließlich steht er leibhaftig vor ihr: der Tod. Doch Tod ist liebenswert und freundlich – nur vom Leben weiß er nicht viel. Das muss sich ändern, beschließt Ente. Zusammen verbringen sie einen Sommer, erzählen und schweigen und wärmen einander. Sie erkunden gemeinsam all das Schöne und lachen viel – bis es vorbei ist.
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