Lörrach Zwischen Fatalismus und Wahn

Tonio Paßlick
Doris Wolters, HansJürg Müller und Vincent Leittersdorf lesen. Foto: Tonio Paßlick

Von Tonio Paßlick

Lörrach. In eine „fauchend feindliche Wildnis“ entführten die „Wintergäste“ ihr Publikum im fast ausverkauften Burghof-Foyer am Sonntag. „Wie im Fieber“ lautet die Klammer um die vier szenischen Lesungen in Riehen, Lörrach, Basel und Liestal.

Im vordergründigen Gegensatz dazu der Titel des ausgewählten Werkes von Vladimir Sorokin: „Der Schneesturm“ baut auf einer russischen Tradition auf, denn sowohl Puschkin als auch Tolstoi schrieben Erzählungen mit dem gleichen Titel. Sorokin erzählt von zwei Weggefährten in der verschneiten russischen Provinz. Eigentlich ist es ja nur eine lächerlich kurze Strecke bis ins Dorf Dolgoje. Dort ist die sogenannte „schwarze Pest“ ausgebrochen. Eine geheimnisvolle Epidemie, die aus Menschen blutrünstige Zombies macht. Die Hauptfigur in Vladimir Sorokins Roman, der Landarzt Garin, hat die nötigen Vakzine dabei und ist fest zur Hilfe entschlossen.

Vincent Leittersdorf verkörpert den unbeirrbaren Landarzt mit allen Schattierungen des ambitionierten, erregbaren und zugleich reflektierten Intellektuellen. Garin steckt in der Poststation Dolbeschino fest, weil es keine frischen Pferde mehr gibt. Seine letzte Chance zur Weiterfahrt ist der kauzige Brotkutscher Kosma, von HansJürg Müller mit knurriger Ergebenheit in Szene gesetzt.

Schon bald wird das Schneetreiben so schlimm, dass die beiden Gefährten vom Weg abkommen und schließlich orientierungslos im weißen Nirgendwo umherirren. Was konventionell wie in einem russischen Roman des 19. Jahrhunderts beginnt, wird zunehmend von fiktionalen Ereignissen durchsetzt: Sie rammen im Schnee eine geheimnisvolle Kristallpyramide, die sich als Superdroge erweist, und die Nase eines Riesen, der neben seiner leeren Wodkaflasche erfroren ist. Sie begegnen kasachischen Drogenhändlern. Eine üppige Müllersgattin, die ihren giftigen Zwerggatten auf ihrem Busen wogen lässt, verschafft dem Landarzt einen erotischen Rausch und symbolisiert zugleich das Verhältnis des großen Landes zu seinen Machthabern und seinen Kreativen.

Wie schon in seinen beiden vorherigen Romanen „Der Tag des Opritschniks“ und „Der Zuckerkreml“ zeichnet Sorokin auch in „Der Schneesturm“ die fantastisch-düstere Zukunftsvision eines Russlands, das technologisch zwar hochgerüstet ist, gesellschaftlich aber von unermesslichen Klüften zerrissen wird.

Seine allegorisch-märchenhaften Figuren erstarren in Kälte und flüchten sich zugleich in einen kollektiven Rausch. Fatalismus und Wahn halten sich dabei die Waage. Eine parabelhafte Novelle, die sich auch zehn Jahre nach ihrer deutschsprachigen Veröffentlichung in ihrer schrecklichen Aktualität bewahrheitet.

Doris Wolters hielt den Spannungsbogen mit ihrer wunderbaren Erzählstimme hoch, streute unvermittelt und schwerelos kleine Rollen ein und ließ Räume imaginieren. Eine packende Vorstellung, die vom Publikum nach zwei Stunden gefeiert wurde.

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