Malsburg-Marzell Von Osteuropa nach Vogelbach

Alexandra Günzschel

Sieben Jahrzehnte sind vergangenen und das Thema hat nichts von seiner Aktualität verloren. Dies war eine Erkenntnis nach einem bewegenden Abend mit einer Lesung und Zeitzeugenberichten zu Flucht und Vertreibung im Alten Schulhaus in Vogelbach als Teil einer Veranstaltungsreihe zu Johannes Beyerles Ausstellung „Einblicke“ im Kanderner Museum.

Von Alexandra Günzschel

Malsburg-Marzell. „Rote Äpfel, weiße Perlen und in der Ferne Schnee“ – unter dieser geheimnisvoll anmutenden Überschrift stand die eindrückliche Veranstaltung, an deren Ende der aufmerksame Zuhörer die Anspielungen verstanden hatte.

Als Moderatorin führte die Historikerin Kathryn Babeck durch den Abend. Veranstalter waren der Freundeskreis Heimat- und Keramikmuseum Kandern zusammen mit dem Verein Erinnerungskultur Müllheim.

„Wenn ein alter Mensch stirbt, dann ist es, als ob eine ganze Bibliothek verbrennt.“ Dieses afrikanische Sprichwort stellte Babeck an den Anfang des Abends, in dessen Mittelpunkt Erinnerungen und das Verblassen derselben standen. Lydia Klemenz, die 1941 in der Ukraine geboren wurde, und Wilma Wegner, die 1939 in Bessarabien zur Welt kam, ließen die Zuhörer teilhaben an ihren Erinnerungen. Beide Frauen, längst in Malsburg-Marzell heimisch geworden, erzählten von Fluchterfahrungen in frühen Kindheitstagen und davon, wie sie ihr weiteres Leben beeinflussten.

Was zeichnet einen Ort der Erinnerung aus?

Zur Einstimmung auf das Thema las Johannes Beyerle aus seinem Zeichenroman „Und in der Ferne Schnee“ Ausschnitte aus dem Kapitel „Thomas“. Der Altenheimbewohner Thomas, ebenfalls ein Flüchtling, ist im Besitz einer Blechdose mit Fotos, die nach Verbranntem riechen – eine Dose voller Erinnerungen, die er bruchstückhaft hervorholt. Ist ein Altenheim ein Ort der Erinnerung? „Nein“, findet Beyerle. Denn oft fehle die Zeit für Gespräche, die in die Tiefe gehen.

Der Veranstaltungsort indes, das Schulhaus in Vogelbach, ist ein Ort der Erinnerung, wie Babeck feststellte. Denn beide Frauen, die an diesem Abend erzählten, hatten diese Schule besucht. Lydia Klemenz fand dort nach der Flucht mit ihrer Familie sogar ein Zuhause.

Wilma Wegner

1940 wurde die Familie von Wilma Wegner nach Westpolen ausgesiedelt, eine wirkliche Wahl hatte sie nicht. Mit von Pferden gezogenen Wagen ging es gen Westen. In einer Unterkunft auf dem langen Weg erblickte das Mädchen eine Schale mit roten Äpfeln. „Den Duft habe ich noch heute in der Nase“, berichtet die ältere Frau noch immer sichtlich bewegt. Zugreifen durfte sie freilich nicht, es hätte ihr als Diebstahl ausgelegt werden können.

Die geschwächte Mutter starb auf der Flucht in einem Krankenhaus, vom Vater, der gegen Kriegsende noch einmal eingezogen wurde, hörte sie nie wieder etwas. Schließlich starb auch noch die Großmutter, und der Großvater wusste mit den Kindern nicht viel anzufangen. Die Geschwister wurden von Familien aus Malsburg-Marzell aufgenommen.

„Ich fühle mich als Vogelbacherin“, sagt Wilma Wegner heute. Und verglichen mit dem, was Flüchtlingskinder an der belarussischen Grenze durchmachten, ging es ihr auf der Flucht eigentlich noch gut, erklärt sie.

Lydia Klemenz

Lydia Klemenz’ Familie stammt aus einem Ort, der sich nach der Tschernobyl-Katastrophe heute im Sperrgebiet befindet. Ihr Vater war Ukrainer, ihre Mutter Deutsche – eine seinerzeit ungewöhnliche Verbindung. Gemeinsam war beiden vor allem ihre Liebe zur Musik.

Die Tochter erinnert sich noch gut an die Flucht mit dem Zug. Daran, wie ihre Mutter unterwegs in ein Krankenhaus kam, um ein Kind zu gebären, der Rest der Familie aber weiterfuhr.

Bei einem Bombenangriff allein zurückgelassen

Später, in einem schwäbischen Lager, besuchte sie eine Art Kindergarten mit unfreundlichen Schwestern und harten Bestrafungen. Nicht vergessen kann Lydia Klemenz jene Nacht, in der sie bei einem Bombenangriff allein zurückgelassen wurde. Wegen einer Polioerkrankung wäre sie auf Hilfe angewiesen gewesen. Völlig verlassen war das Mädchen dem Angriff ausgeliefert. Ein Erlebnis, das seelische Wunden zurückließ, auch wenn sie körperlich unversehrt blieb.

Klemenz erinnert sich auch an einen Lagerführer, einen 150-prozentigen Nazi, wie sie sagt. Und an ihren kleinen Bruder, dessen erste Worte „Heil Hitler“ waren.

Der Vater und der Rest der Familie fanden in den Nachkriegswirren nicht mehr zueinander. An der Grenze wurde dem Ukrainer Landesverrat vorgeworfen, weil er auf deutscher Seite gekämpft hatte. Für 20 Jahre musste er ins Gulag. Teile der Familie trafen sich erst in den 1990er-Jahren wieder.

Lydia Klemenz und ihre Familie strandeten schließlich in Vogelbach. Dort fertigte sich das Mädchen mit heruntergefallenen Perlen von Gräbern Schmuckketten an. Die Familie durfte sich am Fallobst bedienen, das der Bauer einmal extra vom Baum schüttelte. Das Leben verlief allmählich wieder in ruhigeren Bahnen.

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