Müllheim Daten senden statt tragen

Arbeitswelt 4.0: Ein flächendeckend ausgebautes Breitbandnetz ist Voraussetzung. Foto: sba Foto: Weiler Zeitung

Die Auswirkungen der Digitalisierung auf Arbeitswelt und Gesellschaft ist ein politisches Thema, an dem keiner vorbeikommt und das nicht ausgesessen werden kann. Wie umfassend die rasante Entwicklung von digitalen Daten, deren Transport, Verwaltung und Sicherung in alle Lebensbereiche hineinspielt, wurde deutlich bei einer Podiumsdiskussion, zu der die SPD-Ortsgruppe Markgräflerland ins Müllheimer Bürgerhaus eingeladen hatte.

Von Dorothee Philipp

Müllheim. Moderatorin und SPD-Kreisvorsitzende Birte Könnecke hatte mit dem SPD-Generalsekretär und Bundestagsabgeordneten Lars Klingbeil ein politisches Schwergewicht eingeladen. Klingbeil beschäftigt sich seit 2011 mit der Netzpolitik und hat dafür ein Sechspunkteprogramm entworfen. Mit in der Runde diskutierten außerdem Wolfram Seitz-Schüle, Geschäftsführer der Handwerkskammer Freiburg, Susanne Tröndle, Betriebsrätin der Sick AG, und Tobias Fuchs als Vertreter der Sulzburger Firma Hekatron Brandschutz, die bereits zum siebten Mal den Preis als „Great Place To Work“ für Deutschlands beste Arbeitgeber erhalten hat.

Digitalisierung ermöglicht ortsunabhängiges Arbeiten

Obwohl Einigkeit darin besteht, dass belastende Arbeiten, etwa am Fließband, automatisiert werden müssen, können sich nicht alle vorstellen, dass diese wegfallenden Arbeitsplätze anderweitig aufgefangen werden können. Hier ist Klingbeil aber zuversichtlich: Digitalisierung ermöglicht beispielsweise ortsunabhängiges Arbeiten, was die Zehntausende von Stunden, die Pendler auf dem Weg zur oder von der Arbeit verbringen, drastisch verringern würde. Dazu bedarf es aber nicht nur aufgeschlossener Firmenchefs, sondern auch eines flächendeckend ausgebauten Breitbandnetzes: Hier tragen vor allem die südlichen Bundesländer die rote Laterne. Während in Deutschland erst 13 Prozent der Jobs „mobil“ sind, haben die Niederlande bereits ein Recht auf mobiles Arbeiten gesetzlich eingeführt.

Und wie sieht es im Handwerk aus, das ortsgebunden arbeiten muss? Der Fachkräftemangel im Handwerk habe seine Wurzeln im jetzt schon überforderten System der Berufsschulen, stellte Seitz-Schüle fest. Dieses System arbeite nach gegenwärtigen Kriterien, müsse aber für morgen und übermorgen ausbilden. Hinzu komme, dass in vielen kleineren Betrieben noch die digitale Steinzeit herrsche. Hier können nach Seitz-Schüle nur überbetriebliche Einrichtungen wie die kammereigene Gewerbeakademie helfen, die Aspekte der Digitalisierung in die Betriebe zu transportieren.

Rechtsanspruch auf Breitbandversorgung gefordert

Zur hiesigen Breitbandversorgung nannte er ein Beispiel: In einem metallverarbeitenden Betrieb mit Laser-Schweißtechnik fährt der Chef regelmäßig mit einem USB-Stick zum Planungsbüro und wieder zurück, weil für die Datenmengen das Netz zu schwach ausgelegt ist. „So findet Industrie 4.0 in Südbaden statt“. Das entlockte Klingbeil ein „das ist schon krass“, vor allem, weil im Koalitionsvertrag über zehn Milliarden Euro für den Ausbau der Breitbandnetze festgelegt worden seien. Ein Rechtsanspruch auf Breitbandversorgung müsse kommen.

Unzureichende Netzkapazität

Dass die Wertschöpfungsketten sich verändern, bestätigte Tobias Fuchs. Vermehrt müsse deswegen auf Vernetzungsprozesse gesetzt werden, die durch die Digitalisierung auch in der Lage seien, beispielsweise den „administrativen Wulst“ von der tatsächlichen Arbeit zu entkoppeln. Mehr in Kooperationen zu denken und handeln, entlaste vor allem auch kleinere Betriebe. Dass die Sulzburger Firma, einer der Marktführer beim Bau und Vertrieb von Brandmeldeanlagen, ihre Daten immer noch auf Servern in Zürich und Frankfurt verwaltet, liege an der unzureichenden Netzkapazität im Bergbaustädtchen. Fuchs plädierte ebenfalls dafür, die Arbeit von Ort und Zeit zu entkoppeln, was durch Software-Tools möglich werde, auf die man flexibel zugreifen kann.

Dass es in der Arbeitswelt trotz Automatisierung immer noch Bereiche gebe, in denen Menschen den Robotern überlegen sind, machte Susanne Tröndle deutlich. Es gehe heute darum, was der Mitarbeiter künftig für seine Arbeit brauche. Das erfordere einen Kulturwandel in der Firma dahingehend, dass Mitarbeiter und Geschäftsleitung Veränderungen und Weiterqualifizierung positiv gegenüberstehen. Dass jüngere Arbeitgeber in erster Linie nicht an der Höhe des Gehalts, sondern an einer flexiblen Gestaltung der Arbeitszeit interessiert sind, „kommt bei uns jeden Tag an“, sagte sie.

K ooperation und Vernetzung unabdingbar

In der nachfolgenden Diskussion ging es lebhaft zu, wobei das von Klingbeil abgelehnte bedingungslose Grundeinkommen viel Zündstoff bot. Stattdessen machte sich der Abgeordnete für ein „soziales Grundeinkommen“ stark, das an Bedingungen wie beispielsweise ehrenamtliche Tätigkeit geknüpft ist. Weitere Diskussionspunkte waren Digitalisierungsverweigerung und Sicherheit im Netz. Einig waren sich alle Diskutanten darin, dass Kooperation und Vernetzung unabdingbar sind, „wenn sich unsere Wirtschaft mit menschenwürdigen Arbeitsverhältnissen am Weltmarkt behaupten will“.

Nach Klingbeil ist es darüber hinaus wichtig, dass Europa autonom wird in Bezug auf Netz und Hardware, weil sich hier inzwischen eine Abhängigkeit von den „Global Playern“ in den USA und China abzeichne.

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