Müllheim Mit Fantasie dem Hass getrotzt

Weiler Zeitung, 16.05.2018 21:33 Uhr

Unter dem Titel „Hass ist ein Mangel an Fantasie“ findet am Mittwoch, 30. Mai, 20 Uhr, eine besondere Lesung in der Müllheimer Martinskirche statt. Die literarische Collage vereint Texte von Künstlern, die im Ghetto und Konzentrationslager Theresienstadt inhaftiert waren. Die Benefizveranstaltung soll vor allem auch junge Menschen erreichen – deshalb ist für Schüler und Studenten der Eintritt frei.

Von Claudia Bötsch

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Müllheim. Die Lesung ist eine Erinnerung an die vor 70 Jahren im Konzentrationslager Auschwitz von den Nationalsozialisten ermordeten Künstler aus dem KZ Theresienstadt. „Zugleich aber auch ein Mut machendes Zeugnis, das zeigt, welche Bedeutung Kultur im gesellschaftlichen Zusammenleben und im Miteinander von Menschen hat“, heißt es in der Pressemitteilung der Veranstalter, MB Musik- und Kulturverein Liel und Theater im Hof Riedlingen.

„Angeregt durch die zum Teil heftig geführte Diskussion über Fremdenhass“ haben die beiden Kulturvereine die Benefizveranstaltung auf die Beine gestellt, deren Erlös dem Sozialfonds der Musikschule Markgräflerland zugute kommt.

Die Bedeutung von Kultur im Zusammenleben

Bei der Lesung handelt es sich um ein Gastspiel der Theater-Gesellschaft „Elysium“, die mit den Mitteln der Kunst gegen Diskriminierung, Rassismus und Antisemitismus arbeitet. Gehalten wird die Lesung vom Gründer und Bundesverdienstkreuz-Träger Gregorij H. von Leitis, der seit über 40 Jahren an unterschiedlichen Theatern in Europa und den Vereinigten Staaten wirkt. Als Intendant und als Regisseur habe er immer wieder die Völkerverständigung und die Integration von sozialen Randgruppen ins Zentrum seiner künstlerischen Tätigkeit gestellt. Die Einführung in die Lesung übernimmt Michael Lahr.

Botschaft der Hoffnung wichtiger denn je

Die literarische Collage „Hass ist ein Mangel an Fantasie“ legt bewegendes Zeugnis ab von der Imagination und tiefen Menschlichkeit der in Theresienstadt inhaftierten Künstler. Die unerschütterliche Hoffnung, dass das Humanum letztlich stärker sein wird als alle Versuche, es zu vernichten, ist die Botschaft, die aus den Texten von Alice Herz-Sommer, Georg Kafka, Paul Aron Sandfort, Leo Strauss, Viktor Ullmann und Ilse Weber hervorgeht. „Gerade heute ist es wichtiger denn je, diese Botschaft der Hoffnung, dieses starke positive Signal in die Welt hinauszutragen“, machen die Veranstalter deutlich.

In Theresienstadt inhaftierte Künstler haben dem Hass und der Menschenverachtung der nationalsozialistischen Ideologie auf ihre besondere Weise getrotzt: Sie haben diesem Hass mit ihrer künstlerischen Imagination und ihrer schöpferischen Kraft eine Fantasie-Offensive entgegengesetzt. „Die überlieferten literarischen Texte, die dort entstanden sind, können uns heute Mut machen, die Spirale von Hass, Gewalt und Zerstörung zu durchbrechen“, heißt es von Veranstalterseite.

Mahnung zur Toleranz gegenüber Anderen

Ein Appell an die Toleranz: „Sie mahnen uns, eine tolerante Haltung gegenüber Andersdenkenden und anderen Kulturen zu haben“, sagt Stephen Batsford vom MB Musik- und Kulturverein. Er hat die Lesung mit von Leitis vor gut einem Jahr privat erlebt und war sehr beeindruckt. Die Texte aus Theresienstadt hätten ihn „tief bewegt und sehr aufgewühlt, traurig und wütend gemacht“, beschreibt er die Gefühle, die ihn damals ergriffen. „Wie kann man anderen Menschen so etwas antun?“, sei die nur schwer zu ertragende Frage, die sich stelle, zumal sie bis heute grausame Aktualität habe – unter anderem in Syrien.

Zugunsten des Sozialfonds der Musikschule

Aus dem Besuch der Lesung ist die Idee zur Benefizveranstaltung entstanden. Unterstützung gab es vom Lions Club Schliengen, der 1000 Euro spendete (wir berichteten). Dank weiterer kleiner Spenden von Privatleuten sind die Fixkosten gedeckt, die Einnahmen – Erwachsene bezahlen acht Euro Eintritt – fließen komplett in den Sozialfonds. Der springt bei Kindern ein, deren Eltern nicht beziehungsweise nicht mehr für den Musikunterricht aufkommen können. Mittlerweile profitieren auch Flüchtlingskinder von der Unterstützung.

Um möglichst viele junge Menschen mit der Lesung zu erreichen, hat Batsford bei sämtlichen Schulen in der Umgebung die Werbetrommel gerührt. „Jugendliche können durch diese Veranstaltung an die Schätze der Exilkunst herangeführt werden, um mit dem Wissen aus der Geschichte eine lebenswerte und verantwortungsvolle Zukunft mitzugestalten“, ist die Intention.

Die Lesung bringt das Publikum auch in Kontakt mit den Biographien der Künstler. Eine, die den Gaskammern entkommen konnte, ist Pianistin Alice Herz-Sommer, die Theresienstadt mit ihrem kleinen Sohn durchleben musste. Die in Prag geborene Künstlerin ist 2014 im Alter von 110 Jahren in London gestorben. „Musik rettete mir das Leben“, sagte sie immer wieder.

Herz-Sommer: Der Mensch darf nicht lernen zu hassen

Ihre Lebensweisheiten zeugen von ihrem unerschütterlichen Optimismus und ihrer großen Menschenfreundlichkeit. Beim Eichmann-Prozess in Jerusalem erneut mit den Gräueln des Holocaust konfrontiert, war ihr eindringliches Fazit: „Man darf nicht hassen! Der Mensch darf nicht lernen zu hassen!“

 
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