Müllheim „Traumhaft visionäre Dinge“

Blick in die Ausstellung Else Blankenhorn Foto: zVg / Letellier Foto: Weiler Zeitung

Müllheim. Eine Kunstusstellung mit Werken der Malerin Else Blankenhorn sollte anlässlich ihres 100. Todestags am 20. November eröffnet werden, konnte aber wegen des Lockdowns nicht gezeigt werden. Mit der schrittweisen Öffnung des Markgräfler Museums unter Hygieneauflagen ab Freitag, 19. März, ist nun auch die Ausstellung zum Leben und Werk der Malerin Else Blankenhorn zu besichtigen. Die Sammlung Prinzhorn Heidelberg, aus der die meisten Leihgaben stammen, hat einer Verlängerung der Ausstellung bis zum 30. Mai zugestimmt.

Auf dem alten Friedhof der Stadt Müllheim im Markgräflerland erinnert eine Grabplatte an Else Blankenhorn, die am 20. November 1920 mit erst 47 Jahren aufgrund einer Krebserkrankung in einem Krankenhaus am Bodensee starb. Als Tochter des Weinbauprofessors Adolph Blankenhorn ruht sie in der Familiengrabstätte.

In Müllheim ist wenig über ihr Leben bekannt – dass sie wegen einer psychischen Erkrankung in Sanatorien weilte, war vor 100 Jahren ein Tabu. In der Kunstwelt dagegen sind ihre Malereien und Zeichnungen seit vielen Jahren geschätzt. „Traumhaft visionäre Dinge“ bringe diese Malerin zur Darstellung, urteilte zum Beispiel der Expressionist Ernst Ludwig Kirchner mitten im Ersten Weltkrieg fasziniert. „Die Farben sind mit einer fast unglaublichen Feinfühligkeit nebeneinander gesetzt, rein und stark, nur dem Gefühl entspringend, spotten sie jeder akademischen Lehre.“ Nur wenige Jahre war Else Blankenhorn ab 1908 bildnerisch tätig, doch ihre Werke beeindruckten die Zeitgenossen tief.

Kindheit in Karlsruhe

Else Blankenhorn wuchs in Karlsruhe als ältestes von sechs Geschwistern in einem großbürgerlichen Haushalt auf. Am Victoria-Pensionat für höhere Töchter erhielt Else Blankenhorn eine umfassende reformpädagogische, musische Ausbildung. Über die Familie, die am großherzoglichen Hof verkehrte, nahm sie am gesellschaftlichen und kulturellen Leben der badischen Residenzstadt teil. Mit Kunst war sie von Kindesbeinen an vertraut, sie spielte Klavier, sang, fotografierte.

Psychische Erkrankung vor 100 Jahren ein Tabu

Mit 26 Jahren verlor sie plötzlich ihre Singstimme. Auf Anraten ihres Arztes erholte sie sich von diesem „Erschöpfungszustand“ im schweizerischen Privatsanatorium „Bellevue“ in Kreuzlingen am Bodensee, das unter Leitung der Medizinerfamilie Binswanger hohes Ansehen genoss und wo bereits ihr Vater Patient gewesen war.

Nach dem Abklingen dieser „nervösen Krise“ lebte Else Blankenhorn 1902 kurzzeitig in Heidelberg, dann vor allem bei ihrer Großmutter in Müllheim im Markgräflerland – im heutigen Anwesen Graf, damals ein großes Weingut mit ausgedehnter Parkanlage.

Manche floralen und landschaftlichen Motive, die sie später malen wird, finden sich hier. Als kurz nacheinander zuerst diese wichtige Bezugsperson und dann ihr Vater im Alter von erst 62 Jahren starben, kehrte sie 1906 „erregt“ wieder ins „Bellevue“ zurück.

Als Patientin erster Klasse, betreut von einer persönlichen Pflegerin, entwickelte sie in diesem „Schutzraum“ ihre eigenen Vorstellungswelten. Der geregelte Lebensstil gab ihr in ihrem fortan psychisch instabilen Zustand zugleich Halt. Sie stickte Bildteppiche, schrieb und übersetzte, wähnte sich als Gattin des Kaisers, begann zu zeichnen und zu malen – menschenscheu, meist für sich. Die Kunsthistorikerin Doris Noell-Rumpeltes, Leiterin des Archivs der Sammlung Prinzhorn in Heidelberg, in deren Bestand sich rund 450 Werke von Else Blankenhorn befinden, interpretiert ihr Werk auch als „Sehnsuchtsprojekt“. Ihre jahrzehntelangen Forschungen und ihre Publikationen bilden die Basis der gemeinsamen Ausstellung des Markgräfler Museums mit der Sammlung Prinzhorn, die mit einem langen Vorlauf vorbereitet wurde.

Erstmals Einzelausstellung zum 100. Todestag

Erstmals erhält Else Blankenhorn, die in über 50 Kunstausstellungen in Belgien, Deutschland, Österreich, der Schweiz, Spanien, Großbritannien, Italien, Frankreich, den USA, den Niederlanden und Tschechien gezeigt wurde, 100 Jahre nach ihrem Tod eine Einzelausstellung. Und erstmals werden mit den Beständen des Markgräfler Museums ihr Leben und mit einer Auswahl aus der Sammlung Prinzhorn ihr Werk eingehend in Verbindung gebracht. Das Markgräfler Museum verwahrt viele familiengeschichtliche Zeugnisse sowie die einzigen erhaltenen Porträtfotografien der Künstlerin – sowie ein großformatiges Porträtbild von Professor Ferdinand Keller.

Else Blankenhorns künstlerische Produktion weist eine ungeheure Breite auf – technisch wie thematisch – und reicht vom „idealen Paar“ bis zu religiösen Darstellungen. Nach Ende des Ersten Weltkriegs wurde sie 1919 nach Deutschland auf die Reichenau verlegt und starb ein Jahr später nach einer Tumor-Operation.

„Ich staune, welche Kräfte durch Krankheit manchmal freigelegt werden“, schrieb Kirchner 1917, auch er nach belastenden Kriegserlebnissen Patient bei Binswanger. Die Bilder Blankenhorns beschäftigten ihn jahrelang, bewundernd und kritisch. Der Psychiater und Kunsthistoriker Hans Prinzhorn, der damals die „Bildnerei der Geisteskranken“ untersuchte, plante eine Publikation über Blankenhorn, zu der es dann aber nie kam.

In der von ihm um 1919 begründeten Sammlung Prinzhorn in Heidelberg sind die erhaltenen Werke jedoch bis heute aufbewahrt und weiter zu entdecken.

Der Klassiker ist wieder da: Lesen Sie das ePaper bis zum Jahresende für nur 89 Euro! Gleich HIER anfordern.

  • Bewertung
    0

Umfrage

Angela Merkel

Die Kanzlerfrage beschäftigt die Union. Wer wäre Ihrer Ansicht nach der bessere Kanzlerkandidat: Armin Laschet oder Markus Söder?

Ergebnis anzeigen
loading