Stuttgart/Heidelberg - 70 zu 280: Das ist das Ungleichgewicht, das Christoph Olbricht auszugleichen versucht. 70 Nierentransplantationen betreut der Ärztliche Direktor der Klinik für Nieren- und Hochdruckkrankheiten des Klinikums Stuttgart. 280 Patienten warten auf ein neues Organ. Und dieses Ungleichgewicht verschiebt sich immer mehr zulasten der Patienten. „Man spürt die Verunsicherung“, sagt der Leiter des Nierentransplantationszentrums. Es sei noch nie leicht gewesen, Menschen zu einer Organspende zu bewegen. Nun wird es noch schwerer.

Zum chronischen Mangel an Spenderorganen kommt jetzt der Vertrauensverlust in die Transplantationsmedizin. Im Juli 2012 wurde bekannt, dass Ärzte in Regensburg und Göttingen wohl über Jahre hinweg Laborwerte gefälscht hatten, um Lebern an den offiziellen Wartelisten vorbei vergeben zu können. Ähnliche Manipulationen wurden in München im Klinikum rechts der Isar und in Leipzig aufgedeckt. Jedes Mal hatten Ärzte ihre Patienten auf dem Papier kränker gemacht, als sie tatsächlich waren, um die Chancen auf eine Spenderleber zu vergrößern.

Der Ruf der Transplantationsmedizin ist damit zunächst einmal ruiniert. Die Furcht der Menschen ist groß, dass ihr Spenderorgan nicht der bekommt, der es am nötigsten braucht: Bei einer Umfrage im Auftrag des evangelischen Monatsmagazins „Chrismon“ gaben 36 Prozent der rund 1000 Befragten an, keinen Organspendeausweis zu besitzen – weil sie nicht wollten, dass mit ihren Organen gehandelt wird. Mehr Transparenz fordern 88 Prozent der Befragten einer Forsa-Umfrage im Auftrag der Techniker-Krankenkasse (TK). Bei 35 Prozent der Bundesbürger ist demnach die Spendenbereitschaft infolge der Skandale gesunken.

Die Sorge, weitere Skandale könnten aufgedeckt werden, ist zu groß

Auch die bislang größte Informationskampagne der Bundesregierung zur Organspende, die am 1. November begann, konnte das wachsende Misstrauen der Bevölkerung nicht mindern: Mit dem neuen Transplantationsgesetz wurden alle Krankenkassen verpflichtet, bis Oktober ihre Mitglieder zu bitten, sich für oder gegen eine Spende auszusprechen. Bislang hat nur die TK ihre Kampagne „Von Mensch zu Mensch“ gestartet, in der Prominente wie der SPD-Politiker Frank-Walter Steinmeier, der seiner Frau eine Niere spendete, für die Transplantationsmedizin werben. Offenbar mit Erfolg: 31 Prozent der TK-Versicherten haben inzwischen einen Spenderausweis – der Bundesschnitt liegt bei 21 Prozent.

Andere Kassen sind zurückhaltender: So will die AOK Plus ihre Versicherten frühestens ab Mitte des Jahres an die Möglichkeit der Organspende erinnern. Nach den Vorfällen wolle die Kasse zunächst bewusst darauf verzichten, ihre Mitglieder in der Sache anzuschreiben, sagte der Vorstandsvorsitzende der AOK in Sachsen und Thüringen, Rolf Steinbronn.

Die Sorge, weitere Skandale könnten aufgedeckt werden, ist zu groß. Es gibt 47 Transplantationszentren in Deutschland. Zehn Zentren wurden seit Beginn der Skandalserie von einer neu eingerichteten Prüfungskommission der Bundesärztekammer besucht, vier waren auffällig. Rein statistisch betrachtet, wäre es durchaus möglich, dass bei den übrigen 37 Zentren weitere Ungereimtheiten auftauchen.

Doch der Vorsitzende der Ständigen Kommission Organtransplantation der Bundesärztekammer, Hans Lilie, ist sich sicher, dass die Manipulationen kein System in der Transplantationsmedizin haben: „Es sind Einzelfälle, in denen sich Ärzte leichtfertig über Regeln hinweggesetzt haben.“ Zudem lösten die Skandale prompt Reaktionen aus: In nur wenigen Monaten wurden die Lebertransplantationszentren und auch einige Herzzentren überprüft. Ab Mai besucht die Prüfungskommission die Nierentransplantationszentren. Diese Stichproben sollen künftig zu Routinemaßnahmen werden. Auch wurden neue Richtlinien für Transplantationszentren aufgesetzt.

Uniklinik Heidelberg: 100 Lebern pro Jahr

Eine dieser Richtlinien besagt, dass das mächtigste Kontrollsystem künftig die gegenseitige Kontrolle sein soll. „Intern darf die Entscheidung, wer welches Organ bekommt, nicht mehr in der Hand einer einzelnen Ärztegruppe liegen“, sagt Lilie.

Das Transplantationszentrum an der Uniklinik Heidelberg gilt hierbei als gutes Beispiel. Pro Jahr werden hier im Schnitt 100 Lebern transplantiert. Auch hier waren die Prüfer und haben sämtliche Akten der Operationen der Jahre 2010 und 2011 untersucht – jedoch ohne Auffälligkeiten zu finden.

Für den Ärztlichen Direktor der Chirurgischen Klinik, Markus Büchler, der Beweis, dass die Klinik bei der Vergabe der Organe alles richtig macht: „Die Patienten, die eine neue Leber brauchen, kommen in die Transplantationssprechstunde. Dort werden sie unter anderem von Internisten angeschaut, und dort wird abgeklärt, welche Therapie sie brauchen.“ Erst dann werden die Patienten an den Spezialisten zur Transplantation überführt. „Die Chirurgen haben mit der Transplantation nur noch durch die eigentliche Operation zu tun“, sagt Büchler.

Die gesamte Kommunikation mit Eurotransplant liegt zudem in der Hand des Pflegepersonals, nicht bei den Ärzten. „Bei uns sitzt kein Arzt am Computer, der ein falsches Häkchen setzen könnte.“

Dieses Mehr-Augen-Prinzip ist in Baden-Württemberg laut Landesgesundheitsministerin Katrin Altpeter (SPD) verpflichtend. Auch in Freiburg, Mannheim, Stuttgart und Tübingen wird nur noch im Team über Fragen zur Organvergabe entschieden. Es gibt auch keine Bonuszahlungen.

Die Zahl der Organspenden sackt dramatisch ab

Kritikern wie dem Medizinethiker Eckhard Nagel gehen die Maßnahmen nicht weit genug. Der Ärztliche Direktor der Uniklinik Essen fordert die Länder auf, die Zahl der Transplantationszentren zu reduzieren. Nur dort, wo die Transplantationsmedizin einen Schwerpunkt darstellt, sei die bestmögliche Versorgung gewährleistet. Dafür seien auch längere Anfahrten in Kauf zu nehmen.

Doch nach welchen Kriterien soll ein Bundesland eine Klinik schließen? Noch fehlt es an Daten, mit denen sich die langfristige Erfolgsquote der einzelnen Zentren beziffern lässt. Zwar plant die Bundesärztekammer den Aufbau eines Qualitätsregisters, nach dem die einzelnen Zentren beurteilt werden sollen. Doch wann dieses zum Einsatz kommen soll, ist unklar.

Es sind Maßnahmen, die Zeit brauchen. Doch genau die haben jene 12 000 Menschen nicht, die in Deutschland dringend ein Organ benötigen. Und die Zahl der Organspenden sackt dramatisch ab: von 3917 im Jahr 2011 auf 3508 im Jahr 2012. Das ist ein Minus von 10,4 Prozent. Nach Angaben der Deutschen Stiftung Organtransplantation sei der Rückgang im zweiten Halbjahr am deutlichsten gewesen – nachdem die Manipulationen bekannt geworden waren.

Im Stuttgarter Katharinenhospital hat Christoph Olbricht eigene Methoden, um der Organspendebereitschaft zu einem Schub zu verhelfen. „Wir versuchen hier insgesamt die Patienten, die Angehörigen, aber vor allem auch das Pflegepersonal auf das Thema Transplantationsmedizin gut einzustimmen.“ Der Mediziner ist überzeugt: Wenn erst das Krankenhauspersonal die Transplantationsmedizin als Gemeinschaftsaufgabe erkennt, Widerstände und Fragen angeht, „dann schafft dies auch Vertrauen bei Patienten, dass alles mit rechten Dingen zugeht“. Tausende Menschen auf den Wartelisten hoffen darauf.