Neuenburg Erlöse reichen nicht für die Miete

Von den wirtschaftlichen Folgen der Corona-Pandemie stark betroffen ist die Reisebranche. Während des ersten Lockdowns im vergangenen Jahr waren Reisebüros lange Zeit damit beschäftigt Reisen zu stornieren und Geld an die Kunden zurückzuzahlen. Damals hat Antje Landwehr unserer Zeitung die Situation der Reisebüros geschildert. Wie sieht es zehn Monate später aus?

Von Alexander Anlicker

Neuenburg am Rhein. Die Inhaberin des Neuenburger IT-Reisebüros und Aufsichtsratsvorsitzende der Best-Reisen Management AG, einem Verbund von mehr als 600 unabhängigen Reisebüros, stellte sich erneut den Fragen unserer Zeitung.

Frage: Wie ist die Situation der Reisebüros im Lockdown?

Wir haben durch die Regierung finanzielle Unterstützung erhalten. Das hat einigen Reisebüros bis heute das Überleben gesichert und wir sind hierfür sehr dankbar. Sollte jedoch das Hilfsprogramm nicht nachgebessert werden, werden in vielen Fällen die Gelder aus den Überbrückungsprogrammen I und II verbrannt, weil den Unternehmen auf den letzten Metern die Luft ausgeht.

Eine Struktur wie die heutige, in der die Menschen auf eine regionale, persönliche Beratung und Betreuung bei ihren Reisen zugreifen können und nicht auf Roboter und Internetgiganten angewiesen sind, nach der Krise wieder neu aufzubauen, ist deutlich teurer als die erfolgreichen Strukturen der Gegenwart durch die Pandemie zu begleiten und am Leben zu erhalten.

Und obwohl das Robert-Koch-Institut in einer aktuellen Studie darüber informiert, dass Pauschalreisen keine Infektionstreiber waren und sind, setzt die Regierung alles daran, Reisen grundsätzlich unmöglich zu machen, und gefährdet damit eine gesamte Branche.

Frage: Viele Unternehmen haben sich im Lockdown neu erfunden und sich auf die veränderten Rahmenbedingen eingestellt. Was hat sich da bei Ihnen geändert?

Die Aufrüstung bei uns im Reisebüro im digitalen Bereich läuft auf Hochtouren. Wir nutzen die Zeit, um uns mit einer neuen Art zu arbeiten vertraut zu machen. Es geht darum, die logistischen Vorteile aus der Onlinewelt mit dem Mehrwert einer persönlichen Beratung und Betreuung zu verschmelzen. Mit den digitalen Möglichkeiten sind wir exakt da, wo der Kunde ist, egal ob auf Social Media, im Chat, im Reisebüro oder im Zielgebiet – hat er Wünsche oder läuft etwas schief, hat er unmittelbaren Zugriff auf seinen persönlichen – menschlichen – Berater.

Frage: Vergangenen Sommer waren Reisen möglich – mit Tests und Quarantäne falls man in einem Risikogebiet war. Hat das den Reisebüros wenigstens ein klein wenig Umsatz gebracht?

Weil wir „an Deck“ geblieben sind, waren wir, wenngleich auch stark eingeschränkt, so doch für unsere Kunden erreichbar, und allein der Austausch, das Schwelgen in Erinnerungen und das Träumen von zukünftigen Reisen hat den Kunden und uns Lichtblicke in den Alltag gezaubert.

Doch die Erlöse der wenigen Buchungen waren so gering, dass es nicht gereicht hat, über die Dauer der Pandemie jeden Monat die Miete zu bezahlen.

Frage: Reisen in Deutschland haben im vergangenen Jahr geboomt, haben Sie das auch gespürt?

Uns war zu Beginn der Pandemie schon völlig klar, dass, wenn etwas geht, es Reisen in Deutschland sind. Leider ist hier viel an den Reisebüros vorbeigegangen. Die Leute – auch langjährige Kunden von uns – haben sich das online zusammengesucht. Auch was das Mieten von Wohnmobilen betrifft, haben wir Angebote, die nicht teurer sind als beim Verleiher, inklusive umfangreicher Beratung. Dennoch war die Nachfrage gering. Bei Reisen in Deutschland und bei Wohnmobilen hatten die Kunden die Reisebüros nicht auf dem Schirm, dabei hätte uns das im vergangenen Jahr sehr geholfen.

Frage: Es wird ja derzeit nur von nicht notwendigen Reisen abgeraten – sie sind nicht ausdrücklich verboten. Wird im Moment gereist? Wohin können Menschen sicher reisen?

Durch die Virus-Mutation sind die Zielgebiete jetzt noch mal eingeschränkter, doch es gibt durchaus Möglichkeiten. Golfurlaub in Italien, beispielsweise, die Malediven und die Seychellen werden bereist, es gab Studienreisende nach Afrika und ich bin selbst gereist, um mir für unsere Kunden einen Eindruck zu verschaffen, wie das Reisen unter Corona-Bedingungen funktioniert. Auffällig war, dass ich mich im Urlaub unter den strengen Hygienemaßnahmen des Hotels wesentlich sicherer gefühlt habe, als wenn ich hier zum Einkaufen gegangen bin.

Frage: Viele würden gerne verreisen, wollen aber abwarten, bis sie die Corona-Impfung haben. Ist die Aussicht auf ein „Impfangebot“ bis zum Herbst für die Reisebranche nicht viel zu spät? 

 Dass es nun auch noch mit den Impfungen sehr schleppend voran geht und eine Teststrategie erst jetzt, im Februar 2021, vorgelegt wird, kann nicht zu Lasten einer ganzen Industrie gehen, die nachweislich das Infektionsgeschehen nicht nachteilig beeinflusst.

Wir bauen uns im Team immer wieder regelmäßig bei Videomeetings auf, und wir haben beschlossen, dass wir zuversichtlich bleiben. Wir können nichts ändern, also nehmen wir das an, was auf uns zukommt. Und das Leben hat uns gelehrt: Es geht immer irgendwie weiter.

ist seit dem Jahr 1995 Geschäftsführerin des IT-Reisebüros in Neuenburg. Mit ihrem Reisebüro ist sie in der Best-Reisen AG organisiert – wo sie seit sieben Jahren im Aufsichtsrat tätig ist. Im Jahr 2019 wurde sie in diesem Gremium zur Vorsitzenden gewählt.

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