Neuenburg Fußball, Gott und die Welt

Neuenburg - Ottmar Hitzfeld hat als Fußballtrainer fast alles erreicht. Er gewann mit Borussia Dortmund und Bayern München mehrmals die deutsche Meisterschaft sowie mit beiden Mannschaften jeweils einmal die Champions League und wurde mit den Bayern dreimal Pokalsieger. Auch Weltmeister hätte er werden können, aber das Angebot vom Deutschen Fußball-Bund, die Nationalmannschaft zu trainieren, schlug er aus. Mit der Schweizer „Nati“ erreichte er bei der Weltmeisterschaft 2014 immerhin das Achtelfinale.

Hitzfeld war am Montagabend nun der zweite Gast der Talkshowreihe „nachgefragt“ des Kreisgymnasiums Neuenburg. Sie wird von der gleichnamigen Arbeitsgemeinschaft organisiert. Mehrere hundert Bürger verfolgten die neunzigminütige Show, die von den Schülern Isabelle Rath und Hans Richter moderiert wurde.

„Nachgefragt“ ist wie eine TV-Show aufgemacht; interviewt wird der Gast in lockerer Sitzrunde sowie am Pult auf der Bühne und auf der Treppe, von wo das Trio das Publikum überblicken kann und wo das Gespräch auch anfängt.

Ein Film und eine kurze Lesung (Johanna Lehmann), die seine wichtigsten Lebensstationen aufzählt und seine Erfolge mit Bildern und Grafiken illustriert, lockern das Gespräch auf, das mit der Einspielung eines Films mit der Verabschiedung von Ottmar Hitzfeld vom FC Bayern München beginnt.

Tränenreicher Abschied

Für Hitzfeld war dieser Abschied sehr tränenreich - selten hat man den eher zurückhaltenden und besonnenen Trainer so emotional gesehen. „Es war ein ergreifender Moment“, so Hitzfeld im Rückblick, „wenn die Leute aufstehen, ist das schon etwas Besonderes.“ Es war deswegen auch ein besonderer Moment, weil er wusste, dass der Abschied endgültig war.

In den folgenden eineinhalb Stunden geht es hauptsächlich um Fußball, aber weil „nachgefragt“ kein „Aktuelles Sportstudio“ sein will auch um Themen abseits des Sports. So erfährt man zum Beispiel, was für Hitzfeld Heimat ist. „Dortmund ist ein Stück Heimat für mich, München und die Schweiz aber auch“, sagt der 70-Jährige. „Heimat ist ein Ort, wo man Freunde hat und sich wohlfühlt.“ Dreizehn Mal ist Hitzfeld mit seiner Frau umgezogen; mit dem Ende der Trainerkarriere ist dieser ständige Wohnsitzwechsel nun vorbei. Lörrach, wo er geboren wurde, ist nun wieder sein dauerhafter Wohnsitz. Auch ein mit 25 Millionen Euro dotiertes Trainerangebot aus China kann ihn nicht aus Südbaden weglocken. Die Familie ist ihm jetzt wichtiger.

„Angeschlagen vom Stress“

Hitzfeld erklärt, wie er sich kurzzeitig aus dem Fußballgeschäft zurückzog, weil er unter einem Burn-Out litt. Er hatte mit den Bayern gerade die Champions League gewonnen und war „angeschlagen vom Stress“. Die Erwartungshaltung der Bayern ist höher als bei anderen Vereinen. Am besten man gewinnt alles. „Wenn man gewonnen hat, ist man voller Adrenalin. Ich habe mich damals aber nur gefreut, dass wir nicht verloren haben“, sagt Hitzfeld. Er zog den Stecker, entspannte in Engelberg, wo er früher Ski gefahren ist. Psychologische Hilfe und Medikamente halfen bei der Rekonvaleszenz.

Dass er später noch einmal die Bayern trainieren sollte, hängt auch mit der Neigung von Uli Hoeneß zusammen, verdiente Ex-Trainer nach einigen Jahren erneut zu verpflichten (siehe auch Jupp Heynckes). Nach der Saison 2007/2008 war dann aber endgültig Schluss. „Ich habe gemerkt, dass die Kraft nachlässt und die Euphorie verflogen war. Ich fasste den Beschluss: jetzt höre ich auf!“ Die Schweizer Nationalmannschaft hat er trainiert, weil er dort nur noch 15 statt 60 Spiele pro Jahr betreuen und für den Job nicht umziehen musste.

Inzwischen widmet sich der Lörracher mehr den Enkelkindern als dem Fußball. Die Kinder seines Sohnes wohnen in München. Einmal im Monat fahren die Hitzfelds in die bayrische Hauptstadt, wo sie den Nachwuchs betreuen. Letztens waren Alt und Jung im Zirkus „Krone“, was insbesondere dem Großvater großen Spaß gemacht hat.

Hitzfeld ist einer der wenigen Deutschen, der auch den Papst treffen durfte. Er ist gläubiger Christ – bei den Fußballspielen hatte er immer einen Rosenkranz dabei - hat aber nicht den Ehrgeiz, jeden Sonntag in die Kirche zu gehen. Was sagt man dem Papst, wenn man ihm begegnet? „Ich habe ihm gesagt, dass ich mich freue, dass er Papst geworden ist.“

Gutes Moderatorenpaar

Ein großes Kompliment muss man den beiden Moderatoren machen, die sich ausgezeichnet auf ihren Gast vorbereitet haben und die spannende und für Hitzfeld überraschende Fragen stellen. Immer wieder wird der Fußballehrer auch nach politischen Themen gefragt.

Wie er das Wirken von Otto Maximilian Hitzfeld bewertet, dessen Neffe er ist und der führende Positionen in der Wehrmacht inne hatte? Kein schlechtes Wort über ihn. „Er hat Großartiges geleistet für das Vaterland.“

Was hält er vom umstrittenen FIFA-Präsidenten Giovanni Infantino? „Er ist ein guter Verhandler und hat gute Verträge ausgehandelt.“

"Kein Politikprofi"

Auch als er nach dem Erstarken populistischer Kräfte gefragt wird, hört man zwar ein „Rassismus gehört zum Schlimmsten, was es in der Welt gibt“, aber auch einen Verweis darauf, dass er „kein Politikprofi“ sei und die Politik gefordert sei, um fremdenfeindlichen Tendenzen entgegenzutreten.

Auch zum Künstler fühlt er sich nicht berufen. Nur zaghaft malt er ein Lätzchen an, das er seiner Enkelin mitbringen will.

Schade ist, dass man dem Publikum nicht erlaubt, der Trainerlegende Fragen zu stellen. Denn obwohl Ottmar Hitzfeld in der unmittelbaren Umgebung wohnt - so oft trifft man ihn ja doch nicht.

  • Opposition ist Mist: Bei der nächsten Veranstaltung der Reihe „Nachgefragt“ am Freitag, 8. März, von 19.30 bis 21.30 Uhr in der Aula des Neuenburger Kreisgymnasiums (KGN) ist SPD-Urgestein Franz Müntefering zu Gast.

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