Neuenburg Laufen, lernen und lachen

Von Christoph Schennen

Die dritte Folge der Reihe „nachgefragt“ des Gymnasiums Neuenburg beginnt mit einem Paukenschlag. Lea Ehrensperger, neben Louisa von der Mark, Moderatorin der Talkshow, fährt den Gast des Abends, Franz Müntefering, mit einem Quad vor die Bühne.

Der ehemalige Parteivorsitzende der SPD ist der dritte Gast der Reihe, bei der schon der Bundestagsabgeordnete Armin Schuster und der Fußballtrainer Ottmar Hitzfeld zu Gast waren (wir berichteten). Müntefering ist gut gelaunt und stellt sich bereitwillig den Fragen der beiden Schülerinnen, denen man die Nervosität anmerkt.

Ein großer Teil der 90-minütigen Show ist eine politische Lehrstunde des Politikprofis. Immer wieder hebt er hervor, wie wichtig es ist, sich für den Erhalt der Demokratie einzusetzen.

Vetter diente im Koreakrieg

„Wir haben jetzt 74 Jahre Frieden zwischen den Völkern. Wir dürfen uns das von niemandem kaputt machen lassen“, sagt der Genosse, der über seine entbehrungsreiche Jugend berichtet. Der Vater war im Krieg, es gab nicht immer genug zu essen, und es gab die Angst, ständig von Bomben getötet zu werden, weswegen er sich in Hauseingängen verstecken musste und Fenster dunkel verhangen wurden.

Nach dem Krieg vergingen fast 20 Jahre, ehe „ehrlich über das, was passiert ist, gesprochen wurde“, sagt Müntefering. Den großen „Spitzbuben“ sei es gelungen, sich zu verstecken.

Was folgt daraus für die Gegenwart? „Wir müssen verhindern, dass es so was noch einmal geben kann“, sagt der Sauerländer.

Lea Ehrensperger und Louisa von der Mark lassen den Politiker erzählen und stellen nur gelegentlich Zwischenfragen.

Dass die Familie nicht in die USA ausgewandert ist, sei, so Franz Müntefering im Rückblick, eine gute Entscheidung gewesen. Sein Vetter, Franz Albert, emigrierte nach Jacksonville und musste dann in den Koreakrieg, aus dem er als Wrack zurückkehrte.

Mit dem Militär hat Müntefering auch negative Erfahrungen gemacht. „Ich war nie Pazifist, weil ich der Meinung war, dass man sich wehren muss.“

Als Wehrdienstleistender in Osterode wurde er zum Kommandanten beordert. Ihm wurde vorgeworfen, einen Knopf an seiner Uniform nicht zugemacht zu haben. Müntefering ärgerte sich über die übertriebene Strenge: „Was willst du sagen, zu so einem Quatsch?“ Müntefering „rächte“ sich und teilte dem Verteidigungsminister Franz Josef Strauß in einem Brief mit, der Bataillonskommandeur saufe.

Dieselkrise, Brexit, Frauenquote

Auch zu aktuellen Themen soll der langjährige Politiker Stellung nehmen. Er wird zum Beispiel gefragt, wie ein gerechter Ausweg aus der Dieselkrise aussehen könne. „Wir müssen die E-Mobilität forcieren und die Autobauer besser kontrollieren“, sagt Müntefering. „Ich kann mir nicht vorstellen, dass die Chefs nichts gewusst haben.“

Der Genosse ist selber sehr umweltbewusst und fährt viel Bahn, unter anderem auch deswegen, weil seine Augen „abends nicht mehr so gut sind“.

Wie sieht es aus mit der Gleichberechtigung der Frau? Wenn die SPD eine Liste aufstelle, achte sie darauf, dass auf ihr die Hälfte der Plätze von Frauen belegt würden. Wenn es in den Landesparlamenten und im Bundestag nicht ebenso viele SPD-Frauen gebe wie SPD-Männer, läge das daran, dass man den Kreisverbänden nicht vorschreiben könne, wen sie als Wahlkreiskandidaten aufstellen.

Und was hält er vom Brexit? „Ich finde es schade, dass die Briten diese Entscheidung getroffen haben. Aber ökologische Probleme lassen sich mit nationalstaatlichem Handeln nicht lösen“, mahnt der 79-Jährige.

Hat er sich fremdgeschämt angesichts der Aussagen von Gerhard Schröder in der Elefantenrunde 2005? Dazu Franz Müntefering: „Der Auftritt war suboptimal. Ich war aber ganz gelassen und habe mir gedacht, er hat so viel auf die Fresse gekriegt, lass ihn sich austoben.“ Nach der Bundestagswahl 2005 habe man eine Koalition aus SPD, Grüne und FDP bilden können, aber die FDP sei dazu nicht bereit gewesen.

Agenda 2010 hat Renten stabilisiert

Auch die Einführung der „Agenda 2010“ sei kein Fehler gewesen, sagt der ehemalige Vizekanzler. „Die Langzeitarbeitslosigkeit wurde gesenkt und die Renten ’ein Stück weit’ stabilisiert.“

Er hält es für einen großen Verdienst seiner Partei, dass die Sozialdemokraten 1933 als einzige Partei gegen das Ermächtigungsgesetz gestimmt haben. Die Sozialdemokratie könne man als Beweis dafür anführen, dass es „in Deutschland eine demokratische Tradition gibt.“

Den Rechtspopulismus betrachtet er mit einer gewissen Gelassenheit. Es bestehe die Chance, ihn mit den demokratischen Parteien zu bestehen.

Es gebe unterschiedliche Gruppen in der AfD. Es gebe solche, die über berechtigte soziale Probleme klagen und sich mehr Gerechtigkeit wünschen. In der Partei gebe es zudem „talentierte Agitatoren, die Leute beschimpfen“. Und dann gebe es noch die Gruppe derjenigen, die das Asylrecht nicht akzeptieren und die Demokratie ablehnen.

Abschließend darf Franz Müntefering sein bald erscheinendes Buch vorstellen. Der Genosse ist altmodisch: er hat den Text mit seiner Schreibmaschine selber getippt. Es gehe unter anderem darum, wie man im Alter aktiv bleibt, wie man alt wird, wie man Menschen helfen und sich helfen lassen kann. Das Motto im Alter solle lauten: „Laufen, lernen, lachen.“

Und was erfährt man noch? Müntefering wohnt in Herne, er trägt keine Armbanduhr, er interessiert sich nicht für Musik, er trinkt lieber Wein als das heimische Mühlenbräu, isst gerne griechischen Salat mit gegrillter Dorade, er hat keine Scheu, Heuschrecken zu essen und hat schon lange nicht mehr Mühle gespielt, weswegen er sich beim Spiel gegen Lea Ehrensperger mit ihr auf ein Unentschieden einigt.

Weitere Informationen: Der nächste „nachgefragt“-Talk ist am Mittwoch, 28. Mai. Dann beantwortet Kultusministerin Susanne Eisenmann die Fragen von Larissa Rath und Quentin Kopf.

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