Neuenburg Museales Zeugnis aus einer schweren Zeit

Neuenburg am Rhein - „Wenn einer eine Reise tut, dann kann er was erzählen.“ Ohne Zweifel hätte auch sie einiges zu berichten, wenn ihr die Gabe des Erzählenkönnens gegeben wäre. Das ist leider nicht der Fall. „Sie“, das ist eine gewebte Decke, in grün-rotem Schottenkaro mit den Maßen 200 mal 180 Zentimeter. Sie hat einiges erlebt und mitgemacht. Unübersehbar sind die Wunden, sprich „Löcher“, welche die Zeit ihr gerissen hat.

Die Decke entstand auf dem Webstuhl des Neuenburger Leinenwebers Nepomuk von Flieh wahrscheinlich um die Mitte des vorigen Jahrhunderts.

Der verfügbare Webstuhl war nicht breit genug, um die genannten Maße in einem Stück herzustellen. Also wurden zwei 90 cm breite Bahnen aneinander genäht. Es ist nicht gewiss aber möglich, dass sie von vorneherein als schützendes und wärmendes Zudeck für eine große Reise gefertigt wurde, und dass sie, wenn nötig, auch zwei oder drei Menschen zugleich einhüllen sollte. Die Art, wie die beiden Webbahnen zusammengenäht sind, lässt die Vermutung zu, dass Eile geboten war. Die Naht ist haltbar, aber nicht besonders kunstvoll hergestellt.

Familie von Flieh rüstete sich für die Fahrt in „die neue Welt“. Und die, die sich seinerzeit hierzu entschlossen, buchten keine Kreuzfahrt auf einem Luxusliner. Meist waren es Frachtsegler, in deren Laderäumen Auswanderer dicht an dicht zusammengedrängt wurden.

Im Jahr 1852 verließ Nepomuk von Flieh mit seiner Frau und seinen drei Kindern seine Heimatstadt Neuenburg am Rhein, weil sie hier die Familie nicht mehr ernähren konnten. Es waren die notvollen Jahre in unserer Region, die manche Familie veranlasste, nach Amerika auszuwandern, um dort ihr Glück zu suchen.

Von den wenigsten hat man in der Heimat je wieder etwas gehört. Von den von Fliehs jedoch existiert im Neuenburger Stadtarchiv sowohl ein Foto von der jenseits des großen Wassers inzwischen angewachsenen Familie und ein kurzer Bericht von Winfried Studer in seinem Buch „Geschichten und Bilder von Menschen und Traditionen in einer Zähringerstadt“. Dort berichtet er auch, dass Nachfahren der Familie, die Eheleute Evelyn und Fred Bawel aus Florida anlässlich einer Deutschlandreise Neuenburg am Rhein aufsuchten, um nach ihren von hier stammenden Vorfahren zu forschen. Schon damals erzählten sie von dieser Decke, welche die von Fliehs nach Amerika begleitet hatte und die seither in der Familie von Generation zu Generation weitergegeben und wie eine Reliquie verwahrt wurde.

In der Folgezeit entwickelte sich zwischen dem Neuenburger Ratsschreiber und der Familie Bawel aus Florida ein reger Briefwechsel. Zehn Jahre nach ihrem ersten Besuch kamen die Eheleute Bawel erneut nach Neuenburg am Rhein. Sie besuchten Winfried Studer und seine Familie und brachten für das von ihm aufgebaute Museum für Stadtgeschichte eben diese Decke, um sie wieder an den Ursprungsort zurückzubringen als einen musealen Zeugen aus einer schweren Zeit in unserer Region.

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