Neuenburg Spaß, Kritik und Moral

 Foto: Dorothee Philipp

Neuenburg am Rhein - Die „Cuvée“ ist der Markgräfler Gutedelgesellschaft wieder einmal gelungen: Am Mittwoch zeigten auf der Bühne des Neuenburger Stadthauses fünf Kabarettisten und eine Kabarettistin in jeweils viertelstündigen Auftritten die ganze stilistische Breite der aktuellen Kabarett-Szene in Deutschland.

„Kabarett-Cuvée“ ist ein seit einigen Jahren ins Saisonprogramm aufgenommenes Format. Das Publikum bestimmt am Ende, welche „Zutat“ aus der Cuvée in der nächsten Saison einen ganzen Abend füllen soll, sortenrein sozusagen. Vorstandsmitglied Christoph Wirtz, selbst mit kabarettistischem Talent gesegnet, war der ideale Moderator für diesen Abend. Das Ergebnis der Abstimmung war eindeutig: Für Matthias Reuter gingen die mit Abstand meisten der vorher ausgeteilten Stimmkarten in die Höhe. Der 42-jährige mit Preisen und Auszeichnungen bedachte Germanist und Philosoph aus dem Ruhrpott hatte die durch langjährigen exzessiven Kabarettbesuch gestählte und durch zahllose erstklassige Vergleichsmöglichkeiten unbestechlich kritische Gesellschaft sofort überzeugt. Der wie ein Sturmwind daher fegende, in die Tasten des Steinway gehämmerte NRW-Abi-Blues („malen nach Zahlen können bei uns nur die Genialen“), offenbarte, warum es mit den deutschen Großbaustellen nicht vorangeht: Pofalla (S21) und Lütke Daldrup (BER) kommen aus NRW. Die „Fabel vom pazifistischen Hasen“, der den anderen Tieren Waffen verkauft, bis der Wald brennt, während er sich am Strand sonnt – eine geniale Melange von Spaß, Gesellschaftskritik und klassischer Moralethik. Und dann als furioses Finale der in „Ruhrpott-Russisch“ gebellte Song der Hacker Pjotre, Boris, Igor und Ichch, die als „Schrecken des Westens“ der Oma die Heizdecke lahmlegen und Putin als Marionette benutzen. Keine Frage, von dem will man mehr sehen und hören.

Doch auch die anderen haben sich fast durchweg gut verkauft: Mit dem 20-jährigen Newcomer Jonas Greiner stand „der größte Kabarettist Deutschlands“ auf der Bühne. „Bevor Sie das fragen: Zwei Meter sieben“, erklärte er. Dann ging es temporeich zur deutschen Bildungsmisere, diesmal aus der Sicht und mit der frischen Diktion der jungen Generation, die von Leuten „Mitte hundert“ unterrichtet wird, die IG-Farben noch als Startup handeln. Dichter und Denker? Denkste, das war mal vor 200 Jahren!

Was auf dem Schulhof so „appgeht“

Etwas schwerer tat sich der von Wirtz als „Organist und Messdiener a.D. und charmanter Boshaftigkeitsplauderer“ angekündigte Uli Masuth. Gemächlich im Tempo und mit Anleihen an knackige Zitate anderer ging es über die Funktion von Duftsignalen in der Straßenbahn, Philosophisches zum guten Aussehen und die allgegenwärtige Handy-Kritik („was auf dem Schulhof so appgeht“) zur Verrohung der Sprache bis zu den guten alten Zeiten, als Kinder noch unbeaufsichtigt auf nicht TÜV-geprüften Spielplätzen herumtobten.

Mehr Tempo und Sprachwitz brachte Sven Kemmler auf die Bühne mit einem brillanten Ausflug in die Welt des mit steifer Oberlippe zu sprechenden Oxford-English und seiner Sprecher. Freude machten seine Exkurse zum Thema Dialekt in die Fremdsprache mitnehmen: Deutsches Japanisch, italienisches Englisch – hier hatte man viel zu lachen.

Die Kabarettistin und Schauspielerin Katalyn Bohn nahm den Youtube-Wahn auf die Schippe. In ihrer mit Mickymaus-Stimme und viel Gegiggel vorgetragenen Videobotschaft an ihre Kinder ging es um Fun-Produkte, Beauty und „voll angesagte Trends“ wie Schule und Studium. Ihre Evolutionsgeschichte des Menschen vom Einzeller über den homo sapiens mit dem viel zu großen Gehirn zurück zum Einzeller: frischer Wind im Kabarettgeschehen.

Auch André Hartmann zeigte sich in seinen 15 Minuten nicht nur als genialer Stimmenimitator sondern auch als versierter Musiker und Pianist, der auf Zuruf Liedwünsche erfüllt, diese aber nach Gutdünken abwandelt. So kommt Reinhard Meys Flugzeuglied „in der Originalfassung von Herbert Grönemeyer“ daher, und Falco singt „in einer Bearbeitung von Liszt“ „Männer“.

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