Neuenburg Stören, aufrütteln, anprangern

 Foto: Dorothee Philipp

Neuenburg am Rhein - Wenn jemand mit einer über acht Jahrzehnte dauernden Biografie unter Gefahr für Leben und Freiheit für seine Überzeugungen einsteht und damit bei all denen aneckt, die ihn voreilig in eine der mit gängigen Klischees beschrifteten Schubladen stecken wollen, dann ist es Wolf Biermann. Und damit prädestiniert für eine Ehrung mit dem Gutedelpreis, den die Gutedelgesellschaft an jene vergibt, die „öffentlich wirksamen, kreativen Eigensinn zeigen“.

Geliebt und verteufelt

Vielleicht hat es in der illustren Reihe der Preisträger noch niemanden gegeben, auf den diese Ehrung so gepasst hätte wie den Liedermacher, der mit seinen Gesängen die Grundfesten der DDR ins Wanken gebracht hat. Der 82-Jährige hat immer noch viel zu sagen, auch wenn er niemandem nach dem Munde redet und von den einen geliebt und den anderen verteufelt wird.

Wie immer hatte Christoph Wirtz, der spiritus rector und Laudator bei diesen Preisverleihungen, die sich um ein Fass Gutedel herumranken, den Abend zu einer großen Bühne für ein außergewöhnliches Lebenswerk arrangiert. Ein Ensemble von der Freiburger Musikhochschule um den Klavierprofessor Helmut Lörscher hat mit Zitaten, Ausschnitten aus der Biografie, Liedern im Marschtakt der Genossen und Videosequenzen auf die vielen Facetten des politischen Künstlers Biermann eingestimmt.

Die Bühne ist karg möbliert, später als die Leinwand hochgezogen wird, sieht man auf ein unvollendetes Graffito „Biermann Hatt Re…“ auf einer schmuddeligen Wand. Später erfährt man, dass der Urheber dafür nicht nur ins Gefängnis gesteckt, sondern dessen Frau auch zur Scheidung gezwungen wurde und er nach seinem Freikauf durch die BRD später Selbstmord beging. „Wo haben Sie denn das aufgetrieben?“, wundert sich der Ehrengast, als die Leinwand hochgezogen wird. Chapeau an die wie immer treffend gut gelungene Bühnengestaltung von Heiner Schaufelberger.

Die Vita Biermanns, vorgetragen von Wirtz, zeigt nicht nur die wichtigen Stationen eines bewegten Lebens, dessen innere Lebensuhr nach sechseinhalb Jahren stehen geblieben ist, als der Junge im Juli 1943 von seiner Mutter als kleiner Rucksack auf dem Rücken durch einen Kanal schwimmend vor dem Hamburger Feuersturm gerettet wird.

Sensible Dramaturgie

Wirtz zeichnet auch mit sensibler Dramaturgie die Verletzungen, Enttäuschungen und Ängste, die einer erlebt, der seine Ideale so radikal verraten sieht wie Biermann in seinen zehn Jahren in der DDR. Die damit enden, dass das einst gelobte Land ihn mit einem Tritt in den Hintern in den Westen befördert, weil es ihn anderweitig nicht loswerden oder mundtot machen kann. „Wir in Deutschland sind im Helden-Haben nicht besonders gut. Aber für mich sind Sie einer“, meint Wirtz.

Akt zwei der Vorstellung: Der feierliche Anstich des Preisfasses, dem Stifter Hermann Dörflinger gekonnt per Mundschlauch die drei Gläser Gutedel entlockt, mit denen er, Wirtz und der neue Preisträger anstoßen.

Alles kurz und schlicht gehalten, denn mit Akt drei kommt das nächste Schwergewicht in der Dramaturgie: Wirtz und Biermann im Dialog. Die Gitarre, die da wie zufällig rumsteht, verheißt Geschichte live.

Biermann kommt ins Plaudern, und sehr bald wird sein Ton auch rauer und leidenschaftlicher, etwa wenn er den Vogelschiss-Vergleich von „Gau-, Gau-, wie war der Name doch gleich?“ als „perverse Dummheit“ anprangert. In einem Land wie unserem herrsche ein absurdes Missbehagen. Hysterie – hier schweift er launig zu seiner ehemaligen Lebensgefährtin Eva-Maria Hagen ab, die ihn gelehrt habe, was das bedeuten könne – sei in unserer heutigen Zeit möglicherweise der Tod der Demokratie; dieses Tigers, der geritten werden will und von dem man nicht abspringen kann, ohne von ihm gefressen zu werden.

Es geht weiter, staatspolitisch von Voltaire und seiner Candide-Novelle bis zu Heines „Wintermärchen“, dank Wirtz‘ brillanter Einführung werden sofort Parallelen deutlich.

Hellwach, kraftvoll, schlagfertig, zornig, aber auch mit blitzendem Humor nimmt Biermann die Bälle auf, die ihm in schneller Folge zugespielt werden. Der „blutjunge Greis“ hat immer noch das Zeug zum Stören, Aufrütteln, Anprangern. Und dann singt, röhrt und flüstert er das Lied „Ermutigung“, das er 1968 für den todtraurigen, vom Regime kalt gestellten Peter Huchel geschrieben hat und das sich als Botschaft so verselbständigt hat, dass es die Gefangenen in ihren Zellen sangen: „Du, lass dich nicht verhärten…“.

Demokratie beschützen

Hinterher steht das Publikum zum Applaus. Ein wunderbarer Abend, der nach dem Essen mit einer rührenden Hommage Biermanns an das jetzt erst von ihm entdeckte Markgräflerland endet. „Was habe ich mit Leuten zu tun, die irgendwo da unten im Süden Wein machen?“, sei seine erste Reaktion auf die Preisverleihung der Gutedelgesellschaft gewesen. Jetzt weiß er es: eine ganze Menge. Und noch einmal appelliert er an das Volk: „Wir sollten nicht in unserer Dummheit in eine neue Diktatur hineinschlittern“.

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