Stuttgart - Die Äpfel stammen zu 100 ­Prozent von Bäumen aus Baden-Württemberg, zu Saft gepresst wurden sie in Aspach, 40 ­Kilometer von Stuttgart entfernt. Der Kunde, der diesen Apfelsaft kauft, wird gut über die Herkunft der Inhalte informiert.

Möglich ist das derzeit jedoch nur in einer Handvoll Supermärkte in Deutschland und dort auch nur bei sehr wenigen Produkten, auf dem testweise das sogenannte Regionalfenster klebt. So sollen Verbraucher Lebensmittel aus der Region künftig besser ­erkennen können.

Das Bundesverbraucherministerium reagiert damit auf die Nachfrage der Kunden: 80 Prozent der Deutschen kaufen regelmäßig oder gelegentlich regionale Produkte und geben ihnen den Vorzug vor Bioprodukten (40 Prozent), so eine Forsa-Umfrage von 2010. Sie wollen die regionalen Bauern unterstützen und die Umwelt durch kurze Transportwege schonen. Und sie wollen wissen, dass ihr Essen nicht aus einer intransparenten internationalen Herstellungskette kommt, in der Betrugsfälle wie mit dem falsch gekennzeichneten Hackfleisch passieren. Mehr Vertrauen haben sie in bekannte Erzeuger in ihrer Nähe.

Das Informationsfeld Regionalfenster können Hersteller künftig freiwillig auf solche Lebensmittel kleben, deren Hauptzutat (beispielsweise Äpfel) vollständig aus der Region kommt und außerdem mindestens 50 Prozent des Inhalts (etwa im Apfelsaft) ausmacht. Was sie unter Region definieren, steht den Herstellern frei. „Sie müssen das Gebiet aber angeben und es muss kleiner sein als Deutschland“, sagt Axel Wirz vom Forschungsinstitut für biologischen Landbau. Dort wird das Regionalfenster entwickelt und getestet.

50 und mehr einzelnen Zutaten

Doch schon bei einem einfachen Produkt wie Apfelsaft braucht es auf dem Regionalfenster zwei Informationen, die nicht beide präzise sind: Während sich der Abfüllort noch genau nachvollziehen lässt (Aspach), kommt die Zutat, also die Äpfel, aus ganz Baden-Württemberg. „Ein Safthersteller bekommt seine Äpfel von mehreren Bauern, genauer lässt sich das nicht angeben“, sagt Axel Wirz.

Im Test-Supermarkt klebt das weiß-blaue Informationsfeld jetzt auf Eiern, Petersilie und Milch. Auf verarbeiteten Lebensmittel wie Tiefkühl-Lasagne sucht man es vergebens. „Es gibt derzeit kaum hochverarbeiteten Produkte, die regional sind“, sagt Wirz.

Denn Tiefkühlpizzen, Dosenravioli oder die Reispfanne für die Mikrowelle bestehen schnell aus 50 und mehr einzelnen Zutaten. Die Hersteller dieser Gerichte beziehen ­diese Zutaten von Lieferanten in ganz Europa und darüber hinaus. Der Kunde kann diese Warenströme auf der Verpackung nicht nachvollziehen, weil der Hersteller sie nicht angeben muss. „Im Lebensmittelrecht ist nur vorgeschrieben, dass der Hersteller bei Kontrollen Informationen über seine Lieferanten vorweisen muss“, sagt Ernährungsexpertin Christiane Manthey von der Verbraucherzentrale Baden-Württemberg. Und selbst diese Informationen sind lückenhaft.

Denn ist der Lieferant nur ein Zwischenhändler, der beispielsweise das Fleisch zu Hack verarbeitet hat, muss der Hersteller der Lasagne nur nachweisen, woher er das Hackfleisch hat. Beim Hackfleisch-Lieferanten erfährt die Kontrollbehörde dann, woher das Fleisch kommt und so weiter.

Lebensmittelkontrolle ist Ländersache

„Deshalb dauert es auch so lange, bis herausgefunden wird, in welchen Lasagne-Produkten Pferdefleisch als Hackfleisch ausgegeben wurde“, sagt Manthey. Erschwerend hinzu käme in Deutschland, dass die Lebensmittelkontrolle Ländersache sei, „und jedes Bundesland vor sich hinarbeitet, statt dies einer zentralen Behörde zu überlassen“.

Die Ernährungsexpertin hält es für machbar, auch bei verarbeiteten Lebensmitteln die Herkunft anzugeben – zumindest für die Hauptzutaten. Wegen des freien Warenverkehrs innerhalb der Europäischen Union müsste es dafür jedoch EU-weit eine entsprechende gesetzliche Regelung geben.

„Bis es soweit kommt, vergehen locker 10 bis 15 Jahre“, sagt Axel Wirz vom ­Forschungsinstitut für biologischen Landbau. Zumindest bis dahin hält er am freiwilligen Regionalfenster für Deutschland fest. „Wir wissen, dass es vielen Organisationen nicht weit genug geht, aber es ist zumindest ein Versuch, dem Verbraucher ein bisschen mehr Information über die Herkunft seiner Lebensmittel zu geben.“ Das Verbraucherministerium entscheidet im Sommer, ob das Regionalfenster nach der Testphase ­bundesweit zugelassen wird.