Regio Insolvenz stellt Familien vor Probleme

Rolf Rombach
Hoffen auf eine Lösung für das ZAKS: Babett Büllesbach-Braun und Tochter Isabella Foto: Rolf Rombach

Der südbadische Träger des Zentrums für Autismus-Kompetenz ist bald zahlungsunfähig.

Dadurch verlieren mehr als 400 Kinder und Jugendliche einen begehrten Therapieplatz.

Es ist Montagabend. Isabella Braun hat eben ihre Hausaufgaben beendet. Nun schaut sie etwas in ihrem Tablett-PC an, während ihre Mutter Babett unseren Reporter empfängt. Auch Isabella begrüßt beim Eintreten, widmet sich dann wieder ihrem Gerätchen. Nichts Überraschendes bei einer Siebtklässlerin. Doch Isabella ist Autistin. Gesten, Mimik, Emotionen – damit kann sie in gewissen Situationen nur schwer oder gar nicht umgehen. Was für Kinder ihres Alters kein Problem darstellt, bringt die fast 13-Jährige an ihre Grenzen. Babett Büllesbach-Braun nennt ein Beispiel: „Wir haben versucht, dass sie alleine einkaufen geht und ein Muttertagsgeschenk besorgt. Ich stand vor dem Laden. Als dann aber der Einkauf verwehrt wurde, weil in der Schokolade Alkohol war, was sie nicht wusste, ging nichts mehr bei ihr“, erzählt die Mutter.

Büllesbach-Braun ist Notfallsanitäterin, hat viele Jahre in einer Notaufnahme gearbeitet, war als Pädagogin tätig. Dennoch kommen sie und ihr Mann an ihre Grenzen, um regelmäßig Fortschritte bei ihrer Tochter zu erreichen. Hilfe fand die Familie vor zwei Jahren beim Zentrum für Autismus-Kompetenz Südbaden (ZAKS). Nach mehreren Jahren auf der Warteliste wurde ein Therapieplatz für Isabella in der Säckinger Außenstelle frei.

Rückschritte als Folge

Insgesamt 400 Patienten sind beim ZAKS aktuell in Therapie, 90 Mitarbeiter sind an fünf Standorten tätig. Vermutlich ab August nicht mehr. Denn eine drohende Insolvenz der gemeinnützigen Gesellschaft konnte nicht abgewendet werden. Die für die Therapie finanziell zuständigen Jugendämter haben einer Erhöhung der Kostensätze widersprochen, womit die Einrichtung ihren Betrieb hätte fortsetzen können. Alle sechs Jugendämter verweisen auf günstigere Angebote anderer Träger. Individuelle Kosten, die in der Grenzregion bekanntlich oft höher sind im Landes- oder Bundesvergleich, interessieren hier nicht. Was dabei von den Ämtern übersehen wird: Durch das therapiefreie Intervall machen die Kinder und Jugendlichen Rückschritte. Babett Büllesbach-Braun konnte das bereits bei einer kurzen Unterbrechung an Isabella feststellen, als ihre erste Therapeutin in den Mutterschutz ging.

Sehr weite Wege

Mit der Kündigung erhielt Büllesbach-Braun vom Jugendamt eine Liste mit Kooperationsärzten des Landkreises. Doch sind diese entweder voll oder sehr weit weg. Auch sind diese Praxen eher auf Kinder mit Aufmerksamkeitsdefizit-/ Hyperaktivitätsstörung (ADHS) spezialisiert als auf Autismus. In ihrem Umfeld kennt die engagierte Mutter weitere Familien, die ebenfalls Kinder mit Autismus haben. Drei sind bereits in Behandlung, die anderen warten seit Längerem bereits auf einen Therapieplatz. Mit der Schließung des ZAKS wird die Lage noch prekärer. Einige Kinder sprechen gar nicht oder nur sehr eingeschränkt. Bei Isabella fällt ihre Erkrankung in ihrem gewohnten Umfeld nicht auf. Sie fährt zusammen mit ihren Freunden in das Schulzentrum, besucht den Regelunterricht, geht gerne zu den Pfadfindern. Eine Schulbegleitung unterstützt und ist auch im Austausch mit dem ZAKS. Wenn Isabella aber ihre Routinen verlässt, wird sie von Ängsten beherrscht. Babett Büllesbach-Braun hat nun die Sorge, dass die Erfolge rückläufig sind. Denn auch ein neuer Therapieort erfordert zunächst eine Gewöhnung. Unterm Strich, schätzt sie, werden die Folgekosten für die Landratsämter teurer. Die persönlichen Nachteile für die Kinder und Familien nicht mitgerechnet.

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