Regio. Die Bildende Künstlerin Bettina Bohn und der Dichter Markus Manfred Jung haben einen zweiten gemeinsamen Bild-Gedichtband veröffentlicht: „Schluchten von Licht“. Die meisten Bilder und viele der Gedichte sind bei einem gemeinsamen Studienaufenthalt  auf Sylt entstanden. Gabriele Hauger unterhielt sich mit dem Künstler-Paar.

War Ihr gemeinsamer Sylt-Aufenthalt  bereits im Vorfeld  als künstlerische Inspirationreise gedacht?

Bohn: Sylt hat mich schon bei einem gemeinsamen Besuch im Vorfeld  fasziniert und überwältigt. Dieses raue Meer, diese Landschaft.  Ich habe draußen in der  Natur  viel gemalt und gezeichnet. Mein Wunsch war, nochmal hierhin zu fahren.

Jung: Mir ging es ähnlich. Ich war auf Sylt viel unterwegs, Spaziergänge am Meer, im Sturm  – da hatte ich viel Zeit zuschreiben. Es waren inspirierende Aufenthalte für uns beide als Künstler.

Hätten Ihr Texte und Bilder auch anderswo entstehen können?

Bohn: Im Prinzip ja.  Mir ist wichtig, dass der Band kein explizites Sylt-Buch ist. Auf meinen Bildern ist daher auch  keine konkrete Landschaft erkennbar. Ich versuchte vielmehr, Stimmungen einzufangen –­ mit Farbe und Struktur. Die eigene Befindlichkeit umzusetzen und natürlich auch die Elemente,  den Wind und das Meer – das war mein Ziel.

Jung: Besonders das Meer ist ja eine Urgewalt, nicht nur optisch, sondern auch akustisch. Und auch eine taktile, da bebt der ganze Boden, wenn’s stürmt. Bei uns erlebt man das höchstens, wenn der Sturm im Schwarzwald die Bäume umlegt – und da bleibt man schließlich im Haus. Auf Sylt hingegen waren wir draußen, mitten im Sturmgebrause, haben uns am Geländer entlang über die Dünen an den Strand getastet. Das lässt natürlich auch andere Texte und wildere Bilder entstehen.

Was ist das Thema Ihrer Arbeiten?

Bohn: Mich fasziniert beim Malen  grundsätzlich das Thema Bewegung. Ich male auch Körper, Menschen, Tanzbilder. Hier im Schwarzwald habe ich mit Nebelbildern angefangen. Auch das hat mit Bewegung zu tun, da wird etwas aufgedeckt, wieder verdeckt, ändert sich. Auf Sylt war das Neue und Inspirierende der Wind, der alles in Bewegung versetzt. Das versuchte ich, in meinen Bildern einzufangen.  Und das Licht, die schnellen und extremen Lichtwechsel durch das Spiegeln im Wasser, durch die kurzen Regenschauer.

Jung: Genau das habe ich auch versucht, in meinen Texten einzufangen, im Rhythmus, in der Bildersprache. Die Form der Texte wird quasi durch die Form der Natur beeinflusst, nicht nur durch deren Inhalte. Entstanden ist dadurch auch eine neue,extrem starke, üppige Bildersprache. Die starken Bilder, die ich verwende, erinnern an das Barocke, auch an das Expressionistische. Die Sprache trägt hier kräftig auf. Das ist normalerweise nicht so sehr mein Stil. Es hat mich zum Teil selber gewundert, dass diese Texte von mir sind. Man lernt sich auf eine neue Art kennen. Aber das ist ja das Schöne, dass man mit sich selber nie ganz fertig ist.

War das Ihre erste Nordseeerfahrung?

Bohn: Nein, ich war schon als Kind oft auf einer Hallig im Urlaub. Einmal im Jahr muss ich einfach ans Meer, um zufrieden zu sein.

Jung: Nicht das erste Mal. Aber es ist ein Unterschied, ob man nur in den Ferien an der See ist, oder hier schreiben beziehungsweise malen möchte. Dann öffnet man sich stärker und ist berührbarer.

Was war zuerst: das Gedicht oder das Bild? Wie haben Sie diese jeweils miteinander kombiniert?

Bohn: Es war alles ganz offen, ungeplant. Wir haben ja schon einmal ein gemeinsames Buch herausgegeben: „Verfranslet“. Das war aber ein ganz anderer Arbeitsprozess.  Da habe ich  bereits bestehende Gedichte meines Mannes  illustriert. Diesmal sind die Werke parallel entstanden.  Aber da uns das Gleiche inspiriert hat, war es gar nicht schwierig, Bild und Textzusammenzustellen.  Meistens hat sich das Passende unweigerlich zueinandergefügt. Viele Gegenüberstellungen sind auch einfach nur als Anregung  für den Leser gedacht.

Jung: Man kann so etwas nicht planen. Würde man das tun, entstünde ja schon wieder ein gewisser Druck. Wir wollten keine Auftragsarbeit machen, sondern schauen, was diese Sylter Eindrücke mit uns als Künstler machen. Es ist immer ein Experiment zu schreiben. Ohne Erfolgsgarantie.

Bewegung war für die Malerei das Hauptthema. Wie sah es bei den Texten aus?

Jung: Bei den Naturgedichten ist es eine Kombination von Licht und Bewegung, die Synästhesie der Eindrücke. Man ist dort mit den Augen, den Ohren, mit dem Riechen und Schmecken gleichzeitig beschäftigt. Was da alles auf einen einstürzt!

Bewegung war auch in einem anderen Sinn mein Thema: Die Bewegung, die in einem selbst vor sich geht. Wir waren zu zweit: So sind viele Liebesgedichte entstanden, weil sich natürlich auch zwischen uns beiden als Paar sehr viel bewegt hat. Das gemeinsame Erleben beeinflusst eben auch die menschliche Natur.

Das letzte Gedicht des Bandes geht um Gelassenheit. Haben Sie die auf Sylt gefunden?

Jung: Das Spiel mit dem Wort, das Auf-den-Grund-gehen des Wortes ist das Faszinierende. Gelassenheit bedeutet ja nicht nur Ruhe, die Dinge anzunehmen, sondern auch etwas zuzulassen, was sonst zugeschüttet ist.

Bohn: Wir haben das Gedicht bewusst an den Schluss gesetzt. Es ist quasi die Quintessenz unseres künstlerischen Prozesses auf Sylt. Wir haben das gleiche Thema, jeder setzte es mit seinen Mitteln um, jeder muss seinen Platz finden. Und das funktioniert an einem neuen Ort einfach besser. Man inspiriert sich dabei gegenseitig und ist auch wechselseitig der erste Kritiker.

Einige Gedichte sind in Alemannisch und Hochdeutsch abgedruckt. Warum?

Jung: Ich habe schon öfters eigene alemannische Gedichte in Schriftdeutsch übersetzt und umgekehrt. Wenn ich im Kopf mit bestimmten Wörtern spiele, geschieht es aber auch, dass ich ein Gedicht in beiden Sprachen parallel entstehen lasse. Faszinierend ist, dass einige Wörter ganz andere Bedeutungen haben. Manche Strophen sträuben sich aber gegen eine Übersetzung, zum Beispiel wenn im Hochdeutschen abstrakte Begriffe dominieren. Reizlos ist es auch, wenn durch die Übersetzung bestimmte Wortspiele verloren gehen. Aus der Distanz kann ich erklären, wann ich was in welcher Sprache schreibe. Im Prinzip geschieht das aber aus dem Bauch heraus.

Verstehen Sie sich in erster Linie als Dichter in alemannischer Sprache?

Jung: Ja. Es fällt mir leichter. Zum Hochdeutschen habe ich mehr Distanz, es ist für mich eine erlernte Fremdsprache. Ich bin mit Alemannisch aufgewachsen. Das Hochdeutsche kam durch Schule, Studium und meinen Beruf als Lehrer dazu. Der Referenzraum der beiden Sprachen ist anders: Im Alemannischen ist es Hebel und mein Vater, im Hochdeutschen die deutschen Dichter. Im Alemannischen ist meine Freiheit größer. Wenn ich weiter weg bin, denke ich aber verstärkt in Hochdeutsch, und da entstehen dann auch eher hochdeutsche Gedichte, wie zum Teil auf Sylt. Durch diesen Ortswechsel habe ich mich zudem mehr geöffnet. Da werden Schichten freigelegt, die nur darauf gewartet haben, Kreatives auszulösen.

Bohn: Freiräume schaffen wir uns aber auch Zuhause. Man sucht sich  die Natur, die ausdrückt, was einen innerlich bewegt.

Welche Maltechnik haben Sie gewählt?

Bohn: In der Regel arbeite ich viel mit Pigmenten,  Schichten. Hier kommt mehr das Graphische mit Strukturen vor, deshalb habe ich stark mit Tusche gearbeitet.

Wie waren die Reaktionen auf ihren Band?

Jung: Sehr positiv, aber auch etwas verwundert. Manche haben mit meinen hochdeutschen Texten gefremdelt. Aber das geht auch mir so... ich muss mich auch erst dran gewöhnen. Allein der Klang ist ja ein ganz anderer. Das ist wie Mozart auf Klarinette oder mit Cello gespielt, mit derselben Partitur. Derselbe Gedanke steckt dahinter, aber die Ausformung ist eine andere. Lyrik ist eben auch eine Klang- und Musiksprache.

►„Schluchten von Licht“: Lesungen von Markus Manfred Jung und Bettina Bohn  am heutigen Freitag,  20 Uhr, Storchehus Wehr, 17. April, 20 Uhr,  Buchhandlung Metzler, die Bilder sind jeweils ausgestellt; der Band ist im Buchhandel erhältlich, 25 Euro,  mit Originaldruck von Bettina Bohn  für 60 Euro

Bettina Bohn, geboren 1954 in Freiburg, studierte Kunstgeschichte und Kunstpädagogik in Freiburg und später Bildende Kunst in Basel. Als Malerin setzt sie sich mit dem weiblichen Körper und Landschaften auseinander, als Objektkünstlerin gestaltet sie Körperhüllen und Torsi aus Naturmaterialien. In zahlreichen Ausstellungen präsentierte sie ihre Arbeiten (unter anderem Villa Berberich Bad Säckingen, Altes Schloss Wehr, Galerie Ganter Pfaffenberg,  Galerie Backhaus Achern). Sie arbeitet als Kunsterzieherin im Meret-Oppenheim-Schulzentrum Steinen und lebt mit dem Lyriker Markus Manfred Jung im Kleinen Wiesental. 

Markus Manfred Jung, geboren 1954 in Zell im Wiesental, aufgewachsen in Lörrach, studierte Germanistik, Skandinavistik, Philosophie und Sport in Freiburg/Breisgau und Oslo/Norwegen. Er schreibt Prosa, Lyrik, Theaterstücke und Hörspiele in Hochdeutsch und alemannischer Mundart. Jungs Mund-Art Lyrik wurde inzwischen mit zahlreichen, auch internationalen Preisen bedacht, unter anderem in Italien und Rumänien. Seine Gedichte sind in mehrere Sprachen übersetzt. Er ist Gymnasiallehrer in Schopfheim, Schriftsteller und lebt mit der Malerin Bettina Bohn in Hohenegg, Kleines Wiesental.